[Kritzeldienstag] Charaktere - Von Perfektionismus und Stereotypen

Mandy Perfect


Stell dir vor, jemand erzählt dir eine Geschichte. Über eine junge Frau mit Walla-Walla-Mähne, mandelförmigen, tiefgründigen Augen, vollen Lippen, geraden Zähnen und einem makellosen Teint. Immerzu hat sie rosige Wangen, nie sprießt ein Pickelchen auf ihrer zarten Haut und von den elend langen, wohlgeformten Beine wollen wir gar nicht erst anfangen. Ganz zu schweigen von ihrem perfekten Oberbau.
Nennen wir sie Mandy. Mandy ist nicht nur hübsch, sondern auch noch superschlau. Sie hat in der Schule ein paar Klassen übersprungen und ein Stipendium während des Studiums gehabt und nun arbeitet sie als Filialleiterin einer Bank und verdient richtig viel Geld. Und mit richtig viel, meine ich richtig viel.
Aber nicht nur das, sie hat natürlich auch noch einen Mann, der ebenso hübsch und schlau ist wie sie, dem vielleicht ein Unternehmen gehört, dass seine Mitarbeiter behandelt, als wären sie Geschenke Gottes. Und natürlich die beiden süßen Kinder, die niemals schreien und die einfach jeder knuddeln möchte, weil sie so süß sind...



Bloß kein Perfektionismus


Bist du noch da, werter Leser? Wirklich? Das ist ja der Wahnsinn. Ein Buch mit einem solchen Charakter hättest du sicher längst weggelegt, weil es dich zu Tode gelangweilt hätte. Die Charaktere sind viel zu perfekt, zu makellos, als dass wir tatsächlich mit ihnen mitfiebern könnten. Sie sind stereotyp und manch einer wird jetzt sagen: Aber man kann doch mit Stereotypen spielen!?
Natürlich kann man das, wenn man es kann. Meiner Meinung nach braucht so etwas viel Übung und jede Menge toller Ideen. Wenn man seinen Leser wirklich fesseln will, sollte man sich gleich überlegen, wie man seine Charaktere zu etwas Besonderem macht.

Nehmen wir noch einmal unser Beispiel Mandy: Wie wäre es, wenn ihre Walla-Walla-Mähne gar nicht echt wäre? Vielleicht eine perfekte Perücke, weil sie mit Mitte Zwanzig den Brustkrebs bekämpft hat? Oder vielleicht stammt ihr perfekter Körper von Schönheits-OPs, nach denen sie allmählich süchtig wird? Und das nur, weil ihr Mann ihr die ersten Brüste spendiert hat? Ein Beispiel noch: Vielleicht hat sie in der Schule immer so viele Klassen übersprungen, weil sie von ihren Mitschülern gemobbt wurde?
Oder, oder, oder...

Es gibt so viele Möglichkeiten, einen Charakter nicht makellos zu erschaffen. Damit sind nicht einmal äußerliche Schwächen gemeint, sondern vor allem innere Schwächen oder Geheimnisse, von denen euer Charakter nicht will, dass sie ans Tageslicht kommen. Schauen wir uns doch mal ein paar Beispiele aus meinen letzten gelesenen Büchern an.



Geheimnisse, für die man töten würde


In The Evolution of Mara Dyer kämpft Mara Dyer zum Beispiel darum, dass niemand erfährt, für wie verrückt sie sich eigentlich wirklich hält. Auch in The Fault in Our Stars ist es eine innere Schwäche, die Hazel plagt: der Krebs. Sie kann nichts dagegen tun, weshalb es für den Leser noch viel schlimmer ist, ihr Leid zu tragen. Oder Tris aus Die Bestimmung muss einerseits ihrer Familie zeigen, dass sie sich nicht ihrer Fraktion zugehörig fühlt und später muss sie vor allen verbergen, dass sie eine Unbestimmte ist. In The Darkest Minds gibt auch Ruby vor, jemand zu sein, der sie nicht ist.

Du siehst also: Ein Charakter wird dadurch interessant, dass er etwas verbirgt, dass er ein Geheimnis hat, dass nicht mal unbedingt negativ sein muss. Oder er steckt in einer Situation, aus der es keinen einfachen Ausweg gibt. Und auch hier gilt wieder: oder, oder, oder...

Aber jetzt bist du dran. Was macht einen Charakter für dich interessant? Findest du Perfektionismus vielleicht sogar super? Hinterlass mir einen Kommentar und erzähl mir von deiner Meinung.

Eure Kim.