[Kritzeldienstag] Die Angst vor dem weißen Blatt

Eine Motivationsrede an mich selbst und alle anderen,
die Probleme mit weißem Papier haben

Gerade empfinde ich sie wieder: die Angst davor, irgendetwas aufs Papier zu bringen. Dabei läuft es doch eigentlich ganz gut. Ich schreibe regelmäßig Blogartikel, schreibe Sachen für die Uni, bekritzle meine Collegeblöcke und Notizbücher mit Ideen, aber sobald ich mich an die Zweitfassung meiner Geschichte machen möchte, hakt es. Ich bringe keinen Satz zu Papier, nicht einmal einzelne Wörter wollen aus meinen Fingerspitzen fließen, um sich in ferner Zukunft zu kunstvollen Sätzen zu verbinden.

Aber warum eigentlich? Warum will es mir nicht gelingen, eine Geschichte zu schreiben, die doch schon geschrieben ist? Warum kann ich nicht wieder in die Welt meiner Charaktere abtauchen, die ich doch beim Schreiben über alles geliebt habe? Wieso schaffe ich es verdammt nochmal nicht wieder in den Schreibrausch zu fallen, der es mir bei der Erstfassung so leicht gemacht hat?

Die Angst vor dem weißen Blatt


Die Angst vor dem weißen Blatt. Dieses hässliche, weiße Blatt, das einen Schreiber vorwurfsvoll anstarrt, im schlimmsten Fall sogar auslacht. Es ruft: „Du kannst nichts! Wie kommst du überhaupt auf die Idee, dass das, was du schreibst nur im Entferntesten würdig wäre, auf mich geschrieben zu werden? Echt, für so etwas sollte man lieber keine Bäume fällen.“

Aber halt, stopp – das Blatt hat hier schon mal gar nichts zu sagen. Denn in den häufigsten Fällen ist das Blatt gar kein richtiges Blatt, sondern ein Computer. Und bis der Gefühle hat, dauert es noch ein paar Jahrzehnte (und dann gibt’s bestimmt einen On-/Off-Button).

Das tut aber auch gar nichts zur Sache, denn egal, ob Papyrus, schweineteures Büttenpapier oder Bildschirm: dein Geschreibsel ist es immer wert geschrieben zu werden. Es sind deine Gefühle, es ist deine Seele, die du zu Papier bringst. Du schreibst, weil ein Sturm von Gefühlen und Ideen in dir wütet, ein Sturm, den du nur bändigen kannst, wenn du schreibst.


Der Sturm deiner Gefühle


Hast du schon mal versucht, einen Sturm zu Papier zu bringen? Die einzelnen Winde einzufangen und in eine Richtung zu bringen, sie nach deinem Willen zu formen? Die Dachziegeln vom Runterfallen zu bewahren? Den ganzen Regen in einer riesigen Wanne aufzufangen und darin gedankenlos und frei zu baden?

Schreiben ist schwer. Einen Anfang finden ist besonders schwer. Aber wieso musst du denn immer mit dem Anfang beginnen? Wieso fängst du nicht mal mit Sturmstärke Zwölf an? Wieso lässt du deinen Gefühlen nicht einfach freien Lauf? Warum prasseln sie nicht wie der Regen auf die Tastatur ein und lösen alle Wolken in Luft auf?

Es muss doch nicht perfekt sein. Es kann nicht perfekt sein. Niemals. Du musst dich von der Vorstellung lösen, dass du irgendwann den perfekten Text aus dem Nichts erschaffen kannst. Schreiben ist harte Arbeit, also mach es dir leichter, indem du ohne Ängste und Vorurteile daran gehst.

Du schreibst für dich. Für niemanden sonst. Es ist dein Chaos, was du zu Blatt bringen möchtest. Du möchtest die Welt für dich ein kleines Stück besser machen, du möchtest dich zu einem besseren Menschen machen, aber das kannst du nur, wenn du loslässt. Besieg deine Angst, stürze dich in freiem Fall in den Sturm deiner Gefühle und denke nicht darüber nach, was andere denken könnten, wenn sie deine Texte lesen. Das musst du nicht, weil du sie niemals jemanden zeigen musst, wenn du nicht möchtest. Mach dich frei von allen negativen Gedanken und fühle, fühle, wie sich etwas in dir löst.

Hab keine Angst, ein weißes Blatt mit deiner Innenwelt zu beschreiben, es vollzukritzeln, bis es keine weiße Stelle mehr gibt. Hab keine Angst vor deinen Gefühlen beim Schreiben, weine, lache, sei unglaublich wütend – aber stell dich dem Sturm deiner Gefühle und lass dich reinwaschen, ohne auf irgendetwas anderes als dich selbst zu achten.


Und für die, die es noch genauer wissen wollen, hier ein paar Übungen, die mir immer mal wieder helfen, um wieder zum Schreiben zu kommen:


1.) Tagebuch schreiben

Es muss nicht einmal regelmäßig sein, aber seine Gedanken aufschreiben kann helfen, beim richtigen Schreiben leichter einen Einstieg zu finden. Außerdem musst du nicht mal über dein Leben schreiben, du kannst auch einfach deine Gedanken zu deinem aktuellen Projekt aufschreiben.

2.) Assoziatives Schreiben

Nimm dir ein Buch, schlag eine beliebige Seite auf und tippe blind auf ein Wort. Ausgehend von diesem Wort schreibst du deinen Gedankenfluss nieder.

3.) Ohne Pause

Stell dir einen Wecker auf zehn oder fünfzehn Minuten und dann setze denn Stift aufs Papier, jetzt darfst du keine Pause mehr machen. Schreib auf, was dir gerade durch den Kopf geht. Vielleicht kommt ja, was sinnvolles dabei raus.

4.) Assoziatives Schreiben 2.0

Such dir ein beliebiges Bild aus und schreibe alle deine Gedanken dazu auf. Vielleicht entwickelst du ja sogar eine kleine Geschichte dazu.

5.) Genre, Ort, Tageszeit

Denk dir für diese drei Kategorien etwas aus und entwickle dann eine kleine Geschichte dazu. Beispiel: Detektivgeschichte, eine Straße, morgens. Ihr könntet auch noch eine Kategorie hinzufügen. Beispiel: phantastische Liebesgeschichte, eine Wiese im Sonnenschein, Mittagszeit, „Und so verliebte sich der Löwe in das Lamm“. Na welche Geschichte ist das wohl?



Was machst du, um deine Angst zu besiegen? Kennst du diese Angst überhaupt?