Geschrieben | "Gibt denn keiner Antwort?" - Wenn ein Mann mein Herz berührt


„Einer von denen, die nach Hause kommen und die dann doch nicht nach Hause kommen, weil für sie kein Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhause ist dann draußen vor der Tür. Ihr Deutschland ist draußen, nachts im Regen, auf der Straße.

Das ist ihr Deutschland.“ – S. 8
„Draußen vor der Tür“ ist der Titel jenes Stückes von Wolfgang Borchert, das ich mir vor ein paar Tagen im Rahmen eines Studienfachs im Theater angesehen habe. Es ist ein Stück Heimkehrer-Literatur. Ein Stück, das den Schock und die Reaktionen auf den Zweiten Weltkrieg beschreibt, das zeigt, wie die Deutschen mit der Last der Schuld umgehen. „Draußen vor der Tür“ ist ein Stück, das auf den ersten Blick nicht mehr allzu viel mit unserer heutigen Welt zu tun hat, aber auf den zweiten Blick so schonungslos ehrlich mit unserer Gesellschaft ist, dass der Kloß tief im Hals festsitzt und Tage später immer noch nicht fort ist.
„Du, wenn alle, die Hunger haben, sich ersaufen wollten, dann würde die gute alte Erde kahl wie die Glatze eines Möbelpackers werden, kahl und blank.“ – S.12
In „Draußen vor der Tür“ kehrt Beckmann nach drei Jahren im Krieg nach Deutschland zurück. Er hat ein lahmes Bein, Hunger und kein warmes Bett, denn seine Frau hat ihn längst gegen einen anderen eingetauscht. Er ist fünfundzwanzig Jahre alt und möchte seinem Leben in der Elbe ein Ende setzen. Doch die Elbe will ihn nicht. Und so muss Beckmann, der künftig von jemandem verfolgt wird, der sich selbst „der Andere“ nennt, irgendwie versuchen, sich ein neues Leben aufzubauen.

In der vorderen Reihe hängen Handtücher über den Sesseln, das Bühnenbild besteht aus einer großen, unregelmäßigen Wand von Wassercontainern und das Publikum wartet gespannt darauf, was passieren wird, wenn der Gong den Beginn der Vorstellung ankündigt. Man wird nicht enttäuscht. Beckmann humpelt auf die Bühne. Rums, rums, rums – immer wieder fällt er hin, bis ihn die Verzweiflung packt und er seinem Leben mit einem Sprung ein Ende setzt. 

Dann beginnt das Drama, er treibt über die Bühne und öffnet die ersten Wassercontainer – das Wasser spritzt auf die Bühne und füllt sie, während er immer weiter getrieben wird und immer mehr Container öffnet, bis er schließlich verzweifelt zur Ruhe kommt und die Elbe ihren Auftritt hat.

Die Situation ist komisch und doch so eindringlich, dass keiner lachen möchte. Im Gegenteil, das Publikum ist mucksmäuschenstill und so gepackt vom Schauspiel, dass wir für die nächsten anderthalb Stunden alles andere vergessen. Ganz besonders die Szenen, in denen Beckmann und „der Andere“ ihren gemeinsamen Auftritt haben sind so bewegend, so von Verzweiflung gekennzeichnet, dass ich Mühe hatte, die Tränen zurückzuhalten.
„Und ich hatte die Verantwortung. Ja, das ist alles, Herr Oberst. Aber nun ist der Krieg aus, nun will ich pennen, nun gebe ich Ihnen die Verantwortung zurück, Herr Oberst, ich will sie nicht mehr, ich gebe sie Ihnen zurück, Herr Oberst.“ – S. 25 
Beckmann will sie zurückgeben: die Verantwortung, die ihm im Krieg übergeben wurde und während derer elf seiner Leute gestorben sind. Und dieses Gespräch zwischen einem fiktiven Oberst und Beckmann setzt eine Reihe von Fragen in den Gang, auf die es einfach keine Antwort gibt.
„Können Sie schlafen, Herr Oberst? Mit zweitausend nächtlichen Gespenstern? Können Sie überhaupt Leben, Herr Oberst, können Sie eine Minute leben, ohne zu schreien?“ – S. 26


Beckmann dreht vollkommen durch. Er stellt Fragen, er schreit, er weint, er lacht – er reißt den Zuschauer in einen Strudel, in dem man kaum mehr mit den Armen rudern kann, um sich noch irgendwie über Wasser zu halten. 

Wer hat denn die Verantwortung? Wer trägt denn die Schuld für den Tod eines Einzelnen? Wer trägt die Schuld für abertausende Tode? Wer kennt schon die Antwort darauf? Ist im Krieg nicht jeder ein Mörder, wenn er nicht der Gemordete ist?

Sind wir nicht auch Mörder, weil wir Tag für Tag schweigend hier sitzen und unser Leben leben, als wüssten wir nicht, dass in anderen Ländern Bürgerkrieg und Verfolgungen an der Tagesordnung sind? Ist es nicht ignorant, Tag für Tag das reichste Essen zu essen, die schönsten Autos zu fahren und die besten Events zu besuchen, wenn in anderen Ländern die Menschen wie die Fliegen sterben? 
„Hör hin! Sie bedeuten: Tote, Halbtote, Granatentote, Splittertote, Hungertote, Bombentote, Eissturmtote, Ozeantote, Verzweiflungstote, Verlorene, Verlaufene, Verschollene. Und diese Zahlen haben mehr Nullen, als wir Finger an der Hand haben!“ – S. 39
Ist es nicht so, wie Beckmann sagt? Sehen wir nicht Tag für Tag Zahlen in den Nachrichten, die wir achselzuckend zur Kenntnis nehmen? Fühlen wir uns vielleicht für zwei oder drei Minuten unangenehm berührt, nur um im nächsten Moment über den Ergebnissen der letzten Fußballspiele zu brüten?

Diese Zahlen stehen für Menschenleben. Für Leben wie deins und meins – Leben, die man nicht einfach zurückholen kann, wenn sie vorbei sind. Sie stehen für Frauen und Männer, für Kinder, Söhne und Töchter, die Löcher in unserer Welt hinterlassen.

Sie stehen für ein Elend, das man nicht in Worte fassen kann. Für Tatsachen, die mich so unglaublich traurig machen, dass ich darüber schreiben muss.
„Ihr Herz zieht sich zusammen bei jedem Toten!“ – S. 45
Das ist es, was ich fühle, wenn ich an den Abend im Theater zurückdenke. Das ist der Grund dafür, wieso ich diesen Text schreibe. „Draußen vor der Tür“ hat mein Herz in tausend Teile zerrissen, es hat meine Seele berührt und ich halte es nicht aus, meine Gedanken noch länger für mich zu behalten.
„Junge Menschen brauchen wir, eine Generation, die die Welt sieht und liebt, wie sie ist. Die die Wahrheit hochhält, Pläne hat, Ideen hat. Das brauchen keine tiefgründigen Weisheiten zu sein. Um Gottes willen nichts Vollendetes, Reifes und Abgeklärteres. Das soll ein Schrei sein, ein Aufschrei ihrer Herzen.“ – S. 29
Sind wir nicht genau diese Generation? Sind nicht wir die Menschen, die unsere Welt braucht? Wir reden, wir studieren, wir arbeiten hart. Wir reisen um die Welt, sehen und fühlen das Leben, genießen es, schreiben darüber und erzählen unseren Freunden von unseren Abenteuern.

Wieso verschließen wir unsere Augen? Warum nutzen wir nicht unsere Möglichkeiten, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen? Wie kann es sein, dass wir bloggen, weil wir meinen, etwas zu sagen zu haben, aber dann den Mund nicht aufbekommen?

Warum bleiben wir still?


Alle Infos zum Stück findet ihr auch auf der Homepage des Theaters Münster.


 Zitate aus: Borchert, Wolfang - Draußen von der Tür (Rowohlt 2014)



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