Geschrieben | 100 minus einen Tag

Hallo ihr Lieben!

Es wird mal wieder Zeit für ein kurzes Update und mein Weihnachtsgeschenk für euch. :)

Die ersten zwei Chemos liegen mittlerweile hinter mir. Die Zweite ist leider aufgrund einer allergischen Reaktion abgebrochen worden, so dass wir eine Zeit lang überlegen mussten, wie es mit mir weiter geht. Mittlerweile haben wir aber einen anderen Behandlungsplan, was aber nur halb so wichtig für euch ist wie die Tatsache, dass auf dem Ultraschall kein Tumor mehr zu sehen war. Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie sehr ich mich darüber gefreut habe! Sicherheitshalber muss ich trotzdem noch vier Chemozyklen hinter mich bringen, bevor ich operiert werde. Aber nun, wo ich weiß, dass es hilft, sehe ich dem Ganzen weiterhin optimistisch entgegen.

Und nun viel wichtiger: mein Weihnachtsgeschenk für euch. Ich habe ja schon eine Ewigkeit nichts mehr für euch geschrieben und leider geht es in der Geschichte auch nicht um Mer und die beiden Jungs, aber ich glaube ... Jaa, ich weiß sogar, dass ihr Cameron und Alina mögen werdet. Als ich die Geschichte geschrieben habe, bin ich noch nicht krank gewesen und habe mit dem Gedanken gespielt, im nächsten Jahr einen Blogroman aus deren Geschichte zu machen. Erzählt mir unbedingt, was ihr von der Idee haltet (keine Sorge, "Love, Kiss, Cliff" werde ich auf jeden Fall zu ende schreiben, sobald mich die Muse wieder küsst).

Nun kocht euch einen schönen Tee und schnappt euch ein bisschen Schokolade oder Kekse, damit ihr warm eingekuschelt eine Winternacht im schönen Münster erleben könnt! ;)





100 minus einen Tag



Die Worte verschwimmen vor meinen Augen. Ich atme tief durch den Mund ein und spüre, wie mein ganzer Körper erbebt. Als ich den Atem wieder ausstoße, bildet er weiße Wölkchen, die in der Luft hängen bleiben.

Nicht weinen, ermahne ich mich. In der Öffentlichkeit zu weinen ist etwas für schwache Menschen. Für Menschen, die emotional sind und sich nicht unter Kontrolle haben. Hier stehen zu viele Menschen. Niemand von ihnen soll mich weinen sehen. 

Aber es ist sinnlos. Die erste verräterische Träne bahnt sich ihren Weg über meine eiskalte Wange, bevor ich überhaupt vollständig realisiert habe, was gerade geschehen ist. Ich hebe die Hand, um meine Wange mit dem Handschuh zu trocknen, damit keiner merkt, dass ich weine.

Der Kerl im Sitz neben mir bewegt sich. Keine zwei Sekunden später hält er mir ein weißes Stofftaschentuch hin.

Argwöhnisch blicke ich zu ihm. Die Kopfhörer, die eben noch in seinen Ohren gesteckt haben, baumeln nun lose von seinem Hals und geben einen Beat von sich, der mir nicht bekannt vorkommt. Seine grüne Jacke mit dem dicken Kragen hat er so weit hochgezogen, dass zwischen Jacke und Mütze bloß seine braunen Augen hervorlugen und mich neugierig anblinzeln.

Plötzlich verlegen nehme ich das akkurat gefaltete Taschentuch entgegen und trockne mir damit die Wangen. 

„Danke.“ Ich versuche krampfhaft, die Tränen hinunterzuschlucken und ihm ein dankbares Lächeln zu schenken. Es fühlt sich an, als würde ich eine Grimasse ziehen. 

Er öffnet den Reißverschluss seiner Jacke und entblößt den Rest seines Gesichts. Er kann kaum älter sein als ich, ein Student wahrscheinlich, mit freundlichen Zügen und spitzer Nase. Er sieht nicht aus, als würde er mich für meine Tränen verurteilen. Oder er zeigt es nicht. Wenigstens ein Mann auf dieser Welt hat so kurz vor Weihnachten noch Taktgefühl.

„Ich glaube, du bist der erste Mann, den ich treffe, der Stofftaschentücher benutzt.“ Ich versuche ihn von meinen Tränen abzulenken, in dem ich ihm ein Lächeln entlocke. Und tatsächlich. Er lacht auf und zeigt dabei eines dieser Lächeln, die zu schief für Zahnpastawerbungen sind, aber gerade genug, um das Herz zu erwärmen.

„Ich habe immer eins dabei. Nur für den Fall.“ 

„Nur für den Fall, dass du auf weinende Frauen triffst?“

„So in etwa.“ Seine Stimme ist einladend und dunkel, aber er kommt eindeutig nicht aus Deutschland. Er deutet auf das Gleis, das vor uns liegt und längst unter Schnee begraben sein müsste. Um ehrlich zu sein wundert es mich, dass der Zug pünktlich sein soll. „Also wohin geht die Reise?“

„Eigentlich nach München, aber das hat sich gerade erledigt.“ Ich atme tief ein und versuche, die Tränen mit aller Macht zu unterdrücken. Männer mögen keine Frauen, die weinen. Sicher hat er keine Lust, seine Zeit damit zu verschwenden, meine Tränen zu trocknen. 

„Und du?“, schiebe ich hinterher, bevor er nachhaken kann. „Wo willst du hin?“

„Zum Flughafen. Ich hoffe, noch einen Last-Minute-Flug nach New York buchen zu können.“

„New York?“

„Ja, ein Teil meiner Familie verbringt die Weihnachtstage da.“ Seine Augen beginnen zu leuchten. „Eigentlich wollte ich die Feiertage hier verbringen, aber…“

„Heimweh?“ Ich spiele mit den Enden des Taschentuchs, als unser – also jetzt nur noch sein – Zug angekündigt wird. Die Menschen um uns herum werden nervös.

„Ein bisschen“, gibt er zu und senkt den Kopf, als würde er sich dafür schämen. „Ich habe sie fast ein Jahr nicht gesehen.“

„Dann wünsche ich dir viel Glück.“ Ich schaffe ein ernst gemeintes Lächeln, bevor ich fragend das Taschentuch hebe. Was sagt da die Etikette? Gewaschen zurückgeben? Neu kaufen?

„Du kannst es behalten und mir zurückgeben, wenn ich wieder da bin.“ Er lächelt, dann steht er auf, um den Rucksack zu schultern, der vor seinen Beinen gestanden hat.

Quietschende Bremsen kündigen die Einfahrt des Zuges an und ich begleite ihn ein Stück zum Gleisrand. Sein Blick ruht auf mir. Als ich zu ihm hochsehe, fühlt es sich an, als würde ein kleiner Stromschlag mein gebrochenes Herz weiter aufreißen. Sofort spüre ich den Kloß in meinem Hals wieder anschwellen. 

Wie traurig es ist, dass ich ihn nicht besser kennenlernen kann. Wahrscheinlich werden wir uns nie wieder sehen.

Der Zug kommt stotternd zu einem Halt.

„Schätze, das heißt auf Wiedersehen.“ Er verzieht die Lippen zu einem schiefen Lächeln. „Lass den Kopf nicht hängen.“

„Ja.“ Meine Stimme ist nicht mehr als ein Hauchen. Irgendwie hat es mir die Sprache verschlagen.

„Wie heißt du?“

„Alina.“

Er nickt, als würde ihn diese Antwort irgendwie zufrieden stellen, und reicht mir seine Hand. „Es hat mich gefreut, dich kennenzulernen, Alina.“ 

Dann ist er plötzlich weg und ich stehe allein zwischen Familien und Paaren, die sich freudestrahlend begrüßen. In ihren Augen glitzert die Vorfreude auf die gemeinsamen Feiertage, ihre Taschen sind gefüllt mit Geschenken. Und ich drehe mich um, schnappe mir meinen Koffer mit den Geschenken, die ich nun nicht mehr gebrauchen kann, und zerre ihn zur Rolltreppe. Das heißt dann wohl, dass ich die Feiertage damit verbringen werde, mein Zimmer von den ganzen Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit zu befreien. Wer ist so gemein und macht so kurz vor Weihnachten Schluss? Und dann auch noch per SMS?

Die Tränen verschleiern meine Sicht, so dass ich unten angekommen fast stolpere. Das Taschentuch fällt in eine Pfütze aus Schneematsch und sorgt für eine neue Ladung heißer Tränen. Mein einziges Weihnachtsgeschenk und ich ruiniere es in den ersten zehn Minuten. Klasse. Ich hebe es auf und stopfe es mit spitzen Fingern in meine Jackentasche.

„Alina!“ Jemand ruft meinen Namen. Ich gehe weiter, ohne mich umzudrehen. Die Wahrscheinlichkeit ist gigantisch, dass ich sowieso nicht gemeint bin.

„Alina, warte!“

Jetzt bleibe ich doch stehen, denn die Stimme kommt mir bekannt vor. Amerikanischer Akzent… Sofort drehe ich mich um. Mein Herz galoppiert los. Das kann unmöglich sein Ernst sein!

Mein namenloser Taschentuchschenker steht auf dem untersten Treppenabsatz und hebt entschuldigend die Arme, bevor er die letzten Stufen nimmt und vor mir stehen bleibt.

„Was machst du denn?“ Mein Herz pocht immer noch hart gegen mein Brustbein, doch ich rede mir ein, dass ich nur so aufgeregt bin, weil der ganze Tag bisher ein Reinfall gewesen ist.

„Ich konnte dich nicht so zurücklassen.“ Er lacht über seine verrückte Aktion. „Also bin ich wieder ausgestiegen. Morgen gehen auch noch Flüge raus.“

„Wow, das ist…“ Ich weiß nicht, ob ich vor Freude im Kreis springen soll oder ihm sagen soll, dass er gefälligst den nächsten Zug nehmen soll, um Weihnachten pünktlich zu beginnen. „Ich war gerade auf dem Weg nach Hause. Wirklich, du musst dir keine Sorgen machen. Ich werde einfach Fernsehschauen, gekaufte Kekse essen und mir an Heiligabend eine Tiefkühlpizza machen… Mir geht’s gut.“

Mein Körper ist ein Betrüger, weil mir meine Worte gleich die nächsten Tränen in die Augen treiben. Das muss auf der Stelle aufhören. Ich bin eine erwachsene Frau und kein kleines Mädchen mehr.

„Wusstest du, dass „mir geht’s gut“ die größte Lüge überhaupt ist?“ Er hebt spöttisch die Augenbraue. „Aber ich lasse sie dir durchgehen, wenn du dafür mit mir einen Burger essen gehst. Ich sterbe vor Hunger.“

„Und das wollen wir ja nicht“, murmle ich, unsicher, was ich zu diesem Angebot sagen soll. 

Ich kenne ihn kaum, aber vielleicht gibt es ja so etwas wie Schicksal, das uns an diesem Nachmittag zusammengeführt hat. Wem würde schon ein gemeinsames Abendessen schaden? Mir ganz sicher nicht. Die Alternative ist nämlich nicht gerade berauschend.

„Aber ich kenne dich nicht einmal. Was, wenn du ein Schwerverbrecher bist?“, werfe ich ein.

Daraufhin öffnet er seine Jacke und zieht die Mütze ab, um sie sich vor die Brust zu halten. Seine hellbraunen Haare stehen in alle Richtungen ab, als er sich leicht verbeugt.

„Ich bitte untertänigst um Entschuldigung, Miss.“ Er greift nach meiner Hand und deutet einen Handkuss an. „Vor Ihnen steht Cameron Barnaby Jones, 24, unschuldiger und hungriger Medizinstudent, der einer traurigen Frau gerne einen Burger spendieren möchte. Darf ich bitten?“

Mir entweicht ein undamenhaftes Kichern, als er sich wieder aufrichtet. Seine Hand hält meine immer noch und sein Blick bittet mich, ihm eine Chance zu geben, aber ich kann nur an eins denken. „Cameron Barnaby Jones? Wirklich?“

„Glaubst du, so etwas kann man sich ausdenken?“

Er grinst und ich lache schniefend.

„Cam. Meine Freunde nennen mich alle Cam.“

„Also dann, Cam, gibt es zum Burger auch eine Cola?“

„Was immer Sie wünschen, Miss.“


***


Wir sitzen im Burgerrestaurant an einem der engen Zweiertische und lassen die Atmosphäre auf uns wirken. Seinen Rucksack und meinen Trolli haben wir unterwegs in meiner Wohnung untergebracht. Zwischen künstlichen Bäumen und warmen Lichtern eilen Kellner umher, um die vielen Kunden zu bedienen. Es ist ein Wunder, dass wir so kurzfristig überhaupt einen Tisch bekommen konnten. Gerade um die Weihnachtszeit ist hier die Hölle los, weil der Weihnachtsmarkt einer der beliebtesten in ganz Deutschland ist.

Grausam, wenn man hier lebt und Tag für Tag durch die Menschenmassen muss, um von A nach B zu gelangen. Aber an solchen Tagen, an denen man nichts zu tun hat, sondern sich einfach nur vom Gefühl treiben lassen kann – dann wird man von der Atmosphäre gepackt und empfindet tatsächlich so etwas wie Vorfreude.

Cameron betrachtet mich über die Kerze hinweg. Seine Handflächen liegen offen auf dem Tisch und er hat sich vorgebeugt, um durch die weihnachtliche Musik besser mit mir reden zu können. Er trägt ein dickes Holzfällerhemd, das das Braun seiner Augen zum Leuchten bringt. Die Mütze hat er abgelegt und in dem notdürftigen Versuch, seine Frisur zu richten, noch mehr Chaos angestellt.

„Also, Alina.“ Er spricht meinen Namen so amerikanisch aus, dass ich ihn fast nicht wiedererkenne. „Warst du schon auf dem Weihnachtsmarkt?“

Ich werde rot und schüttle den Kopf. Eigentlich hatte ich mich auf den Weihnachtsmarkt in München gefreut und mir fest vorgenommen, dort meine ersten gebrannten Mandeln in diesem Jahr zu essen. Danke, Patrick.

„Nicht?“ Cameron reißt erstaunt die Augen auf. „Dann fühle ich mich ja verpflichtet, mit dir einen Glühwein zu trinken und dir gebrannte Mandeln zu kaufen.“

„Das musst du wirklich nicht, Cameron-“

„Cam.“

„Cam.“ Ich lächle ihn an. „Du musst nicht den ganzen Abend mit mir verbringen, nur weil ich kurz vor Weihnachten sitzen gelassen wurde. Du kennst mich doch gar nicht.“

Er beugt sich weiter vor und deutet mit dem Zeigefinger auf mich. „Aber das würde ich gerne ändern.“

Unsicher schlage ich den Blick nieder. Ich bin nicht einmal eine Stunde lang Single und dann soll ich mich gleich auf jemand anderen einlassen? Was ist denn mit Schokolade und Bridget Jones und all den anderen Dingen, die man macht, wenn man verlassen wurde?

Mal ganz abgesehen davon, dass er keine Ahnung hat, mit wem er hier an einem Tisch sitzt. Wenn er wüsste, wieso sich Patrick von mir getrennt hat, wäre er sicher genauso schnell weg.

„Entspann dich.“ Cameron lehnt sich lachend zurück. „Ich will dich doch nicht heiraten. Ich bin nur auf der Suche nach Freunden. Und du siehst aus, als könntest du einen gebrauchen.“

Hitze steigt mir in die Wangen, weil er ahnt, dass ich so über ihn nachgedacht habe. Fieberhaft überlege ich, wie ich ihn davon überzeugen kann, dass ich überhaupt nicht an etwas Romantisches gedacht hätte, aber bevor ich den Mund öffnen kann, kommt er mir zuvor.

„Gib mir eine Nacht und ich verspreche, dass du am Morgen kaum noch an den Idioten denken wirst.“ Er streckt mir seine Hand entgegen, damit ich einschlagen kann. Ich zögere einen Moment, aber was habe ich schon zu verlieren? Höchstens ein bisschen Geld für gebrannte Mandeln und Glühwein und ein paar Stunden meiner Zeit, die ich – wenn wir ehrlich sind – sowieso nur mit Weinen und Schokolade essen zugebracht hätte.

„Also gut.“ Ich ergreife seine Hand. Sein Händedruck ist angenehm und fest. Ein warmes Gefühl steigt in meiner Magengrube auf, als ich in seine braunen Augen schaue. Er hält meine Hand immer noch und sieht mich an, als wäre ich ein Rätsel, das er knacken müsste. Bevor ich der Aufregung in meinem Inneren zu viel Beachtung schenken kann, kommt jedoch unser Essen.

Während des Essens erzählt Cameron mir von seinem Leben in den USA und von der Entscheidung ausgerechnet nach Münster zu kommen, um hier ein Auslandsjahr zu machen.

„Meine Tante wohnt hier“, beginnt er mit vollem Mund. Er kaut, bevor er weiterspricht. 

„Also eigentlich ist sie die Frau meines Onkels. Exfrau“, berichtigt er sich. „Ich hab sie als kleiner Junge immer gerne gemocht und war todunglücklich, als sie wieder nach Deutschland zurückgegangen ist.“ Er zuckt mit den Achseln. „Da wusste ich noch nicht, dass sie gegangen ist, weil mein Onkel sie betrogen hat. Naja, und dann...“ Er macht eine Pause und überlegt, wie er weitersprechen soll. Für einen kurzen Augenblick blitzt etwas in seinen Augen auf, das ich nicht näher zuordnen kann. „Jedenfalls dachte ich mir, ich könnte sie besuchen und eine Weile im Ausland studieren.“

Er beißt noch einmal von seinem Burger ab und sieht dabei irgendwie nicht zufrieden aus. 

„Aber das ist doch super“, erwidere ich. Zu gern würde ich wissen, was in seinem Kopf herumschwirrt, doch ich bezweifle, dass er mir nach so kurzer Zeit sein Herz ausschütten würde.

„Schon, aber dann hat sie diesen neuen Mann kennengelernt. Das war kurz, nachdem ich angekommen bin. Er ist Musiker und tourt durch Europa. Und sie hat beschlossen, eine Auszeit zu nehmen. Was halb so wild ist, immerhin bin ich ja da und kann mich um Max und Moritz und ihre Pflanzen kümmern.“

Ich bin mir sicher, dass das nur ein Teil der Geschichte ist. 

Er verzieht das Gesicht zu einer Grimasse, die zeigen soll, dass ihn das nicht verletzt, aber der Ausdruck in seinen Augen sagt etwas anderes. Um ihn davon abzulenken, frage ich nach Max und Moritz.

„Ihre beiden Kater.“ Er rollt mit den Augen. „Das sind zwei richtige Mistviecher.“ Mit dem kleinen Finger schiebt er den Ärmel seines Hemds hoch, um mir die langen Kratzer an seinem Unterarm zu zeigen. „Ich bin froh, wenn das Jahr vorbei ist und ich nicht mehr mit ihnen zusammenleben muss.“

Ich lache. Dabei fällt mir der Burger aus der Hand. Der gesamte Belag verteilt sich auf dem Teller, was mich nur noch mehr zum Lachen bringt. Cameron stimmt mit ein.

„Nicht so talentiert im Burger essen, was?“

„Bin ja kein Amerikaner“, erwidere ich belustigt und beobachte fasziniert, wie sich seine Grübchen vertiefen, als sein Lachen durch den Raum schallt. Er sieht gut aus, wenn er lacht.

Irgendwann zwischen Burger und zweitem Getränk muss ich feststellen, dass er die perfekte Ablenkung ist. Mein Handy habe ich schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr aus der Jackentasche geholt, um nachzusehen, ob Patrick nur Witze gemacht hat. Aber das sollte mir egal sein. Wir haben uns auseinander gelebt. Weihnachten wäre nur der Versuch gewesen, eine längst zerbrochene Beziehung zu kitten. Ich sollte froh sein, dass ich nun nicht die lange Fahrt auf mich nehmen musste. Wenn ich die ganze Sache vernünftig betrachte, hat er mir sogar einen Gefallen getan. 

„Wie lange seid ihr zusammen gewesen?“ Es ist, als würde Cameron meine Gedanken erraten. Die Kellner haben mittlerweile unser Geschirr abgeräumt. Er hält sein Glas Cola in der einen Hand, die andere liegt wie schon vor dem Essen ausgestreckt auf dem Tisch. Wenn ich wollte, könnte ich nach seiner Hand greifen, aber ich schiebe den Gedanken schnell von mir fort. Wo denkst du hin? Du kennst ihn ja kaum.

„Fast drei Jahre.“ Ich zucke mit den Achseln, als würde mich das alles nicht berühren, obwohl mir der Gedanke an unsere gemeinsame Zeit einen schmerzhaften Stich versetzt. Wir haben drei Jahre lang alles geteilt und er schafft es nicht, sich persönlich von mir zu trennen? 

„Er hat im letzten Semester nach München gewechselt, um wieder näher bei seiner Familie zu sein. Wir haben uns seitdem nur einmal wiedergesehen. Schätze, so funktionieren Fernbeziehungen nicht.“

„Drei Jahre ist eine lange Zeit.“ Cam legt auch die andere Hand an sein Glas. „Du wirkst nicht, als wärst du sonderlich unglücklich darüber.“

„Wir haben uns auseinandergelebt“, antworte ich möglichst neutral, auch wenn die Wahrheit eine andere ist.


***


„Kannst du singen?“ Cameron hält die Tüte mit den gebrannten Mandeln in der Hand. Wir spielen Antwortmandel, ein Spiel, das er gerade erst erfunden hat und hauptsächlich dazu dient, mich nach meinem Leben auszuquetschen. Jedes Mal, wenn ich ihm eine zufriedenstellende Antwort gebe, gibt er mir eine Mandel.

„Du darfst mir bald keine Fragen mehr stellen, wenn du die Mandeln alle aufgegessen hast.“ Ich deute lachend auf seine Hand, die den nächsten Schwung Mandeln zu seinem Mund führt. Er bleibt abrupt stehen und sieht auf seine Hand, dann blickt er ertappt zu mir und lässt die Mandeln wieder in die Tüte fallen.

Wir schlendern gerade über den ersten Weihnachtsmarkt und es ist gerammelt voll, jetzt, wo die Stadt in Dunkelheit und Lichterketten gehüllt ist. Überall lachen die Menschen und reden über ihre Pläne für die Feiertage.

Ein Schwung Menschen drückt Cameron in meine Richtung. Er öffnet die Arme, um mir nicht wehzutun und leitet mich in seinem Schutz weiter.

„Ich kaufe dir eine neue Tüte“, schlägt er vor, als wir die Hütte erreichen, an der es ihm zufolge den besten Glühwein in der ganzen Stadt gibt. Er reicht mir die Tüte und besorgt uns zwei Tassen, damit wir auf unser Treffen am Bahnhof anstoßen können.

Meine Gedanken schweifen zu Patrick und unseren ersten Abend auf dem Weihnachtsmarkt. Später habe ich ihn zum ersten Mal in meine Wohnung mitgenommen. Da war er noch ganz anders und hat meine Fotos mit leuchtenden Augen betrachtet. Jetzt frage ich mich, ob das Leuchten einfach nur von den Gefühlen kam, die er damals für mich empfunden hat.

„Hey, hör auf an ihn zu denken“, fordert Cameron mich auf. Seine braunen Augen mustern mich streng. Ich schüttle den Gedanken an Patrick ab.

„Entschuldige. Ich will wirklich keine Spielverderberin sein“, sage ich. „Wenn du schon wegen mir einen Tag später fliegst, will ich dich wenigstens unterhalten.“

„Ach ja?“

Oh nein. Ich kann sehen, wie es hinter seiner Stirn zu rattern beginnt. So sehen Menschen aus, wenn sie einen Plan schmieden. Und meistens gefallen anderen Menschen diese Pläne nicht gut.

„Ich habe eine Idee.“ 

Sag ich ja. Ich verziehe das Gesicht. „Ich weiß nicht, ob ich sie wirklich hören will.“

„Oh, das wirst du nicht.“ Er grinst und leert seine Tasse in einem Zug. „Du musst nur zustimmen.“

„Ich weiß doch nicht einmal wozu.“ Lachend schüttle ich den Kopf. Ganz abgesehen davon, dass ich nicht der Typ für verrückte Ideen bin. „Was, wenn ich dir damit die Erlaubnis gebe, mich in eine dunkle Ecke zu ziehen und–“

„So ein Unsinn.“ Er lacht. „Sehe ich so gefährlich aus?“

Achselzuckend leere ich auch meinen Becher. „Den meisten Menschen sieht man das nicht auf den ersten Blick an.“ Auch wenn er definitiv nicht gefährlich aussieht. Um genau zu sein sieht Cameron aus, als würde er sogar die Fliegen lebendig einfangen und draußen aussetzen.

„Komm schon.“ Er setzt einen flehenden Blick auf. „Ich verspreche dir, dass du Spaß haben wirst. Du weißt doch, was Spaß ist?“

„Sehr witzig.“

Er wartet schweigend.

„Cam, ich bin wirklich nicht der Typ für solche Sachen.“ Mit einem flauen Gefühl im Bauch blicke ich zu Boden.

„Du weißt ja nicht einmal, was ich mir überlegt habe“, erwidert er mit einem sanften Lächeln. Er nimmt mir die Tasse aus der Hand und stellt beide auf den Stehtisch neben uns. Dann greift er nach meiner Hand. „Ich will dich nur lachen sehen. Ich werde dich weder betrunken machen noch irgendetwas von dir fordern, was du nicht willst.“

Ich blicke hoch und schaue in seine braunen Augen. Zwischen seine Augenbrauen hat sich eine besorgte Falte gebildet. Gott, ich bin so ein Freak. Wieso kann ich nicht einfach die Zügel loslassen?

„Vertraust du mir?“

Ich lasse mir seine Frage durch den Kopf gehen. Obwohl ich ihn erst vor Kurzem getroffen habe, habe ich schon jetzt das Gefühl, dass er mich besser kennt als jeder andere.

„Ja“, erwidere ich tonlos.

„Dann vertrau mir damit.“ Er drückt meine Hand. „Ich werde dir nicht wehtun. Indianerehrenwort.“

Ich muss lachen. „Du bist kein Indianer.“

Er prustet beleidigt. „Vielleicht habe ich ja indianische Vorfahren.“

Wir grinsen uns an und meine Zweifel sind verschwunden. Ich kann jetzt nicht nein sagen, denn wenn ich das tue, werde ich am Morgen aufwachen und mich für den Rest meines Lebens fragen, was gewesen wäre, wenn ich sein Angebot angenommen hätte. 

„Also gut. Solange ich am Ende der Nacht nicht tot, verletzt oder sonst irgendwie gebrochen in irgendeiner Seitenstraße liege und du mir versprichst, auf mich aufzupassen, bin ich dabei“, erkläre ich mit einem verlegenen Lächeln und hoffe, dass ich es nicht bereuen werde.

Die Art, wie sich sein Gesicht mit Freude füllt, ist es jedenfalls wert.


***


„Wie voll ist dein Akku?“

Stirnrunzelnd ziehe ich mein Handy aus der Tasche und schaue aufs Display. Immer noch keine Nachricht von Patrick. Wut durchzuckt mich. Wieso kann er nicht einmal anrufen und das persönlich klären? Wie kann man so ein Riesenarsch sein?

Mein Blick gleitet zur Akkuanzeige. „Noch fast voll.“ Ich schaue zu Cameron, der sich grinsend die Hände reibt. 

„Wieso?“, schiebe ich argwöhnisch hinterher.

„Sehr gut.“ Er grinst mich an und schaut auf mein Handy. „Und ein Smartphone gleich dazu. Noch besser.“

Ich runzle die Stirn.

„Deine erste Aufgabe ist es, zehn Erinnerungsbilder dieser Nacht zu schießen. Du hast Zeit, bis die Nacht vorbei ist.“

Ich erstarre. Jemand stößt seinen Ellbogen in meinen Rücken, so dass ich ein paar Schritte vorstolpere. 

Das kann ich nicht. Die Zeit ist vorbei.

„Ich mache keine Bilder mehr“, höre ich mich sagen, bevor ich die Worte aufhalten kann. Cameron sieht mich überrascht an und öffnet den Mund, um etwas zu sagen, doch es kommt nichts heraus. Er schließt ihn wieder und zieht die Augenbrauen hoch. Dann startet er einen neuen Versuch.

„Es sind doch nur Fotos.“

Er kennt mich nicht, also weiß er nicht, dass es nicht nur Fotos für mich sind. Es ist viel mehr als das, aber das kann ich ihm nicht verraten, weil ich dann die Tür zu einem Abschnitt in meinem Leben öffne, die ich fest verschlossen halte.

„Such dir einfach eine andere Aufgabe aus“, bitte ich ihn und versuche, den Schock zu vertreiben, den mir seine Aufforderung bereitet hat. Es war keine Absicht.

„Nicht einmal Schnappschüsse?“ Cameron zieht mich weiter, damit ich nicht mehr im Weg stehe und die Leute nicht mehr in meinen Rücken hineinrennen. Seine Berührung sorgt dafür, dass mein Herz aufhört zu rasen und ich wieder normal denken kann.

Natürlich denkt er, dass Fotos eine tolle Idee sind. Welcher normale Mensch denkt auch nicht, dass ein paar Erinnerungen an eine solche Nacht etwas Schönes sind?

„Wir könnten auch einfach ein paar Dinge sammeln, die uns an diese Nacht erinnern“, schlage ich vor, um keine totale Spielverderberin zu sein. Er betrachtet mich nachdenklich.

„Kann ich dich etwas fragen, ohne dass du mich wieder so ansiehst?“, fragt er schließlich.

Ich atme tief ein, bevor ich nicke.

„Lässt du dich fotografieren?“

„Natürlich.“ Ich lache erleichtert auf. „Was ist das denn für eine Frage?“

„Also ich finde, die Frage ist durchaus berechtigt.“ Cameron verzieht die Lippen zu einem spöttischen Lächeln, legt den Arm um meine Schultern und zieht mich weiter. Wenigstens ist er nicht sauer auf mich. „Verrätst du mir, wieso du keine Fotos machst?“

„Ein anderes Mal vielleicht“, sage ich vage, obwohl ich mir sicher bin, dass ich nicht so schnell darüber reden werde.

Cameron muss spüren, dass das Thema nicht zu den Dingen gehört, über die ich gerne rede, aber trotzdem sieht er mich mit leuchtenden Augen an, als hätte ich ihm gerade ein Geschenk gemacht. Dann zieht er sein Handy aus der Hosentasche, entsperrt den Bildschirm und hält es vor uns.

„Grinsen, bitte.“

Ich sehe mich im Bildschirm, mit roten Wangen und einem Gesichtsausdruck, der überhaupt nicht dem entspricht, wie ich mich fühlen sollte. Cameron hat seinen Arm noch immer auf meiner Schulter und drückt seine Wange an meine. Er zieht eine Grimasse und bringt mich zum Lachen. Dann drückt er auf den Auslöser.

Einen Moment später erscheint das Foto auf dem Bildschirm. Es ist verwackelt und halbdunkel, aber es sieht aus, als wären wir die besten Freunde auf der ganzen Welt.


***


Wir verlassen den Weihnachtsmarkt und laufen eine Weile schweigend durch den Schnee. Die Stille zwischen uns ist nicht unangenehm, viel mehr fühlt es sich so an, als würden wir Stunden schweigend miteinander verbringen können, weil uns bloße Anwesenheit des Anderen genügt.

Ich werfe ihm einen kurzen Blick zu. Er hat die Hände in die Jackentaschen gesteckt und schaut nachdenklich über den Kragen seiner Jacke hinweg. Woran er wohl denkt? Ob er sich seine nächste Aufgabe für mich überlegt?

Oder ist er doch enttäuscht, dass ich nicht mehr dazu gesagt habe, wieso ich keine Fotos mehr mache?

Ich räuspere mich. Sofort fliegt sein Blick zu mir. Als er sieht, dass ich ihn beobachte, beginnen seine Augen zu leuchten.

„Bist du sauer auf mich?“, frage ich nervös. Vielleicht schweigt er deswegen. Vielleicht habe ich unser Schweigen falsch interpretiert.

Er schüttelt verwundert den Kopf. „Nein. Wieso sollte ich?“

Ich zucke mit den Achseln.

„Weißt du … Jeder hat ein Kapitel, das er anderen nicht vorlesen möchte.“ Cameron schenkt mir ein sanftes Lächeln. „Wenn du nicht darüber reden möchtest, dann ist das okay. Ich bin wirklich der Letzte, der das nicht verstehen würde. Du sollst nur wissen, dass ich da bin, wenn du dich umentscheidest.“

Wie kann man nur ein so liebenswürdiger Mensch sein?

Ich schlucke den Kloß in meinem Hals hinunter und flüstere ein Dankeschön. Er legt den Arm um meine Schultern und drückt mich kurz an sich. „So und nun genug davon. Bist du bereit für eine Aufgabe?“

„Bleibt mir wohl nichts anderes übrig.“

Er grinst zufrieden. „Ich kaufe dir noch eine Tüte Mandeln, wenn du die Aufgabe innerhalb einer halben Stunde erledigst.“

„Ich könnte mir auch eine eigene Tüte kaufen“, erwidere ich mit hochgezogenen Brauen.

„Das könntest du natürlich oder aber–“, er macht eine theatralische Pause, „du motivierst diese Kids da drüben, dir dabei zu helfen, einen Schneemann mitten auf die Straße zu bauen.“

Cameron wackelt vielsagend mit den Augenbrauen und deutet auf eine Gruppe Jugendlicher, die gelangweilt herumstehen und auf ihren Handys herumtippen, statt sich miteinander zu unterhalten.

„Wenn du das schaffst, darfst du dir eine Aufgabe für mich aussuchen“, fügt er hinzu, als er sieht, wie ich zögere. „Deal?“

Ich schaue noch einmal zu den Jugendlichen. Sie sehen aus, als könnten sie Unterhaltung gebrauchen. Was kann schon groß schiefgehen? Im schlimmsten Fall blamiere ich mich, im besten Fall bekomme ich eine Tüte Mandeln und kann mich an ihm rächen.

„Deal“, erwidere ich mit fester Stimme und drücke Cameron meine Handtasche in die Hand. Dann eile ich durch den Schnee auf die Gruppe zu, die mich nicht einmal kommen sieht, weil sie so sehr in ihrer Online-Welt gefangen ist.

„Hey“, begrüße ich sie. 

Zur Antwort ernte ich verwirrte Blicke. Es sind drei Jungs und zwei Mädchen. Eindeutig zu jung, um Studenten zu sein, aber zu alt, um sich am Schneemannbauen zu beteiligen. Dafür sind sie viel zu cool. 

„Ich weiß, das klingt jetzt wirklich komisch. Aber seht ihr diesen süßen Typen da drüben?“ Ich deute auf Cameron, der zu uns schaut und belustigt die Hand hebt. „Er hat mir versprochen, mit einem Straßenmusiker zu singen, wenn ich es schaffe, innerhalb einer halben Stunde einen Schneemann mitten auf die Straße zu bauen.“

Hat er natürlich nur indirekt, aber das muss ich der Gruppe ja nicht erklären.

„Und was haben wir damit zu tun?“, murrt eins der Mädchen, bevor ihr Blick wieder auf ihr Display gleitet. Einer der Jungs kneift sie in die Seite, woraufhin er einen genervten Blick erntet.

„Könnt ihr mir helfen?“ Ich setze ein flehendes Gesicht auf und fühle mich armselig. „Bitte.“

„Ehrlich gesagt…“, erwidert nun auch das andere Mädchen, doch einer der Jungs schneidet ihr das Wort ab.

„Klar.“ Er sieht zu den anderen Jungs, die langsam nicken und ihre Handys in die Hosentaschen gleiten lassen. „Mitten auf die Straße? Da, wo morgen früh wieder die Busse entlang fahren?“

Seine Augen beginnen zu leuchten und auch die Mädchen hören jetzt aufmerksam zu. Wer spielt nicht gerne Streiche?

„Also gut, dann mal los“, ergreift der andere das Kommando. Dann teilt er uns in drei Gruppen ein. Zusammen mit ihm kümmere ich mich um den Kopf. Wir spurten los, um den Schnee zu einer riesigen Kugel zusammenzurollen und ernten dabei interessierte Blicke von vorbeigehenden Passanten. Weil wir die kleinste Kugel haben, sind wir am schnellsten fertig.

„Warte hier“, sagt der Kerl, der mit mir den Kopf gerollt hat, und eilt davon. Zusammen mit den anderen hieve ich die Kugeln aufeinander. Mitten auf dem Platz, so dass am nächsten Morgen der Schneemann zerstört werden muss, damit die Autos und Busse weiterfahren können. Bei dem Gedanken daran muss ich grinsen. Der Kerl kommt zurück, in den Händen eine Ladung dunkler Knöpfe.

„Wo hast du die denn her?“, fragt sein Kumpel mit großen Augen.

„Vorne ist ein Stand mit Knöpfen. Ich hab gefragt.“ Er zuckt mit den Achseln und überreicht mir die Knöpfe. „Nur eine Nase haben wir leider nicht.“

Ich stecke die Knöpfe in den Schnee, um unserem Schneemann ein Gesicht zu verleihen, während ich darüber nachdenke, wo wir eine Nase für ihn auftreiben können. Aber dann quietscht plötzlich das Mädchen los, das eben noch abgeneigt gewesen ist.

„Ich schau schnell, ob Mama noch Möhren hat.“ Sie spurtet mit einer Schnelligkeit los, die ich ihr gar nicht zugetraut hätte. Ich blicke ihr hinterher und stelle fest, dass sie in dieser Straße wohnen muss. Keine fünf Minuten später kommt sie mit einer dicken, orangen Möhre zurück, die sie glücklich in der Luft wedelt. Als sie sie mir überreichen will, schüttle ich den Kopf.

„Du darfst.“ Ich trete beiseite, damit sie unseren Schneemann vollenden kann. Zufrieden und mit hochroten Gesichtern betrachten wir schließlich unser Werk. Ich rufe Cameron zu uns.

„Da fehlen ja die Arme.“ Cameron kommt mit einem breiten Grinsen auf uns zu. „Ich glaube, die Aufgabe hast du nicht ganz erfüllt.“

Empört öffne ich den Mund, um etwas zu erwidern, doch einer der Jungs kommt mir zuvor. „Klar haben wir Arme.“ 

Er stellt sich hinter den Schneemann und streckt seine Arme zu beiden Seiten heraus. Ich bin gerührt von so viel Einsatz und fordere Cameron auf, ein Foto von uns allen zu machen. 

Marius, so heißt der Junge hinter unserem Schneemann, den wir auf Olaf getauft haben, streckt seine Arme aus, so dass es fast so wirkt, als würde Olaf uns umarmen. Sein Kopf lugt gerade so über Olafs Schulter heraus, so dass auch er auf dem Foto zu sehen ist. Wir schicken es ihnen auf ihre Handys, bevor wir uns voneinander verabschieden.

„Frohe Weihnachten und vielen Dank!“ Ich winke ihnen zum Abschied zu, bevor ich mich fröhlich unter Camerons Arm hake und ihn weiterziehe.

„Macht Spaß, andere Leute zu motivieren, oder?“ Cameron grinst mich an. In seinen Augen kann ich sehen, dass es ihm eine Freude bereitet, mich Lachen zu sehen. „Deswegen habe ich mich für die Pädiatrie entschieden.“

„Ich hätte eher darauf getippt, dass du ein Meisterchirurg wirst“, gebe ich zu und werfe ihm einen Blick zu, der unauffällig sein soll, aber Cameron ist zu gut. Er erwischt mich und fängt meinen Blick auf. „Bist du ein Familienmensch?“

„Total.“ Sein Blick schweift wieder in die Ferne und ich habe endlich Zeit, um ihn zu betrachten. Dieses freundliche Gesicht ist bei Kindern genau richtig aufgehoben. Bestimmt freuen sich später alle, wenn er zur Visite kommt. Ob er den Kindern das Gefühl geben kann, gut aufgehoben zu sein?

„Ist das nicht auch hart? Ich meine, manche Kinder werden ja nicht wieder gesund.“

„Ich versuche, es nicht an mich herankommen zu lassen.“ Er zieht die Stirn in Falten und schaut zu mir. „Für jedes Kind, was nicht geheilt werden kann, gibt es mindestens drei Kinder, denen man helfen kann. Aber Sterben gehört zum Leben. Es ist nie leicht, jemanden sterben zu sehen. Egal, ob Kind oder Erwachsener.“

Trauer huscht über sein Gesicht, doch bevor ich den Gesichtsausdruck zuordnen kann, hat er wieder sein charakteristisches Lächeln aufgesetzt.

„Lass uns lieber über etwas Fröhlicheres reden“, schlägt er vor. Mir wird bewusst, dass hinter seiner Fassade ein Mensch steckt, der nicht nur diese fröhliche, ausgelassene Seite hat. Aber da ich weiß, wie ungerne ich über meine Vergangenheit reden möchte, dränge ich ihn nicht dazu, sondern gehe auf seinen Vorschlag ein. 

Wir sprechen über die Uni und erreichen kurze Zeit später den nächsten Weihnachtsmarkt. 

Hier tümmeln sich jedes Jahr die meisten Studenten, weil der Glühwein hier am günstigsten ist. Gleichzeitig ist er aber auch einer der schönsten, klein und urig, mit Ständen, an denen leckeres Essen verkauft wird und jede Menge Handwerksware.

Cameron zieht mich in die Menschenmenge.

„Möchtest du dir die Stände ansehen?“ Sein heißer Atem kitzelt mein Ohr, als er sich zu mir beugt, damit ich ihn überhaupt verstehen kann. 

Ich nicke und er greift nach meiner Hand, um mich in der Menge nicht zu verlieren. Mein Herz macht einen kleinen Aussetzer, bevor ich mich von ihm fortziehen lasse. Jeder, der uns so sehen würde, würde glauben, dass wir ein Paar sind. Es erschreckt mich, wie glücklich mich dieser Gedanke stimmt.

Der Duft nach gebratenen Champignons erfüllt meine Nase, während wir von Stand zu Stand gehen und die Auslagen bewundern. An einem Stand entdeckt Cameron ein in Leder eingebundenes Notizbuch.

„Schreibst du Tagebuch?“ Ich nehme ihm das Buch aus der Hand und lasse meine Hand über das Leder gleiten. Das Leder ist robust und doch elegant, es sieht aus, als könnte es mehrere hundert Jahre überdauern.

„Habe ich früher, aber ich habe damit aufgehört.“ Er zuckt mit den Achseln, nimmt mir das Buch wieder aus den Händen und legt es mit einem sehnsuchtsvollen Seufzen auf den Tisch. Etwas an seiner Reaktion sagt mir, dass er gerne wieder anfangen würde. „Komm, weiter.“

„Warte kurz.“ Ich zücke meine Brieftasche und reiche dem Mann hinter dem Stand das Buch, um es zu bezahlen.

„Ally…“ Cameron zieht an meinem Ärmel. Ich schaue zu ihm und sehe, dass er sich unwohl fühlt. Aber wieso soll er derjenige sein, der den ganzen Abend Geld ausgibt?

„Was denn?“ Ich grinse ihm zu. „Darf ich mir kein Tagebuch kaufen?“

Er kneift die Augen zusammen und verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. Der Mann reicht mir eine Tüte und ich bezahle, bevor wir den Stand verlassen. Das Buch bekommt er erst, wenn die Nacht vorbei ist. Solange lasse ich ihn in dem Glauben, ich hätte es tatsächlich für mich gekauft. Vielleicht schenke ich es ihm auch zu Weihnachten …

„Und seit wann heiße ich Ally?“, hake ich belustigt nach. Insgeheim freue ich mich darüber. Aber das muss ich ihm nicht gleich unter die Nase reiben. Er hebt eine Hand, um damit meine Mütze bis zu meiner Nasenspitze hinunterzuziehen. 

„Seit ich beschlossen habe, dass der Spitzname gut zu dir passt“, erwidert er lachend und legt mir einen Arm um die Schulter, während ich meine Mütze zurechtrücke. Ich strecke ihm die Zunge heraus und löse mich aus seiner kumpelhaften Umarmung.

„Lass uns noch einen Glühwein trinken.“ Ich ziehe ihn durch die Menge. „Das wirst du für deine Aufgabe brauchen.“


***


Kurze Zeit später ist es soweit. Wir haben einen Straßenmusiker gefunden. Ich kenne den Mann, weil ich ihn schon oft in der Stadt gesehen habe, aber ob er mit jemandem zusammen spielen würde, weiß ich nicht.

„Also dann, Cam.“ Fröhlich löse ich mich von seiner Hand. „Bereit, mir ein Ständchen zu bringen?“

Er sieht mich mit großen Augen an. Ich deute auf den Straßenmusiker und ihm wird plötzlich alles klar. Er hebt abwehrend die Hände und macht einen Schritt nach hinten. 

„No way!“, ruft er. „Nie im Leben werde ich auf offener Straße singen.“

Ich verziehe die Lippen zu einer Schnute. „Du hast es versprochen.“

Mit zusammengekniffenen Augen schaut er mich an. Ich stemme die Hände in die Hüften und warte. Schließlich zieht er seine Mütze ab, um sich mit den Händen durch die Haare zu fahren.

„Also gut.“ Er zieht seine Mütze wieder auf. „Aber lass dich gewarnt sein. Ich bin ein grausamer Sänger.“

Und das ist er wirklich. Er singt die schlechteste Version von „All I Want for Christmas is You“, die ich je gehört habe. Aber dabei sieht er so unglaublich gut aus, dass andere sogar stehen bleiben und ihm lachend lauschen. Der Hut des Straßenmusikers füllt sich in rapidem Tempo, weil alle denken, dass die beiden Jungs eine Comedy-Nummer abziehen.

Ich habe nur Augen für Cameron. Seine Wangen sind gerötet, bei den hohen Tönen artikuliert er mit seinen Händen, als ob er sie so besser treffen könnte. Sein Blick findet meinen und er verhaspelt sich, weil er grinsen muss. Das Leuchten in seinen Augen ist kaum zu übersehen, als das Publikum laut lacht. Er ist ein Mensch für Publikum. Es macht ihn glücklich, andere Leute glücklich zu machen.

In diesem Moment wird mir klar, dass ich gut auf mein Herz achtgeben muss.

An Patrick verschwende ich kaum noch einen Gedanken. Mit ihm hätte ich in zwei Wochen nicht so viel Spaß gehabt wie mit Cameron in wenigen Stunden. Mit ihm hätte ich nie im Leben eine solche Nacht verbracht. Wir hätten uns auf der Couch zusammengerollt und einen Film gesehen, den er ausgesucht hätte, weil er ja sonst nie Zeit hat, um Filme anzuschauen und am nächsten Morgen wäre er nach einem knappen Frühstück wieder aufgebrochen, weil in München die Arbeit auf ihn wartet.

Er hat mir eine lange nötig gewesene Entscheidung abgenommen. Er hat mich gehen lassen, damit ich mein Glück woanders finden kann.

„Danke!“ Cameron lacht und klatscht in die Hände. Er hat seinen Song beendet und sieht mir fest in die Augen. „Diese Blamage haben wir ganz allein Ally zu verdanken.“ Er winkt mich heran. Das Publikum klatscht und ich spüre, wie mir die Röte in die Wangen steigt. Cameron genießt die Aufmerksamkeit, aber für mich ist das zu viel. Er merkt, dass ich mich unwohl fühle und zieht mich in seinen Arm, um einen Kuss auf meine Mütze zu drücken. Mit schneller klopfendem Herzen schließe ich die Augen.

Nur weil ich Patrick nicht mehr habe, muss ich mich nicht gleich in den Nächsten verlieben.

Das kleine Publikum löst sich allmählich auf und Cameron lässt mich los, um sein Portemonnaie zu zücken und dem Straßenmusiker Geld zu geben. Der winkt ab und deutet auf seinen Hut.

„Wenn ich gewusst hätte, dass schief singen so viel Umsatz macht …“ Er stellt die Gitarre ab und streckt mir seine Hand entgegen. Seine blauen Augen funkeln belustigt. „Ich bin Raff.“

„Alina.“ Ich ergreife seine Hand und drücke sie kurz. „Danke, dass du ihn singen lassen hast. Damit hat er seinen Teil auch erfüllt.“

Raff sieht mich neugierig an und ich erkläre ihm, für welche Aufgabe das die Rache gewesen ist. Er lacht und deutet in die Richtung, aus der wir gekommen sind. „Da bin ich eben dran vorbeigekommen. Aber da stehen ja zwei.“

„Echt?“ Cameron blinzelt überrascht. „Dann muss jemand anders noch einen gebaut haben.“

„Vielleicht haben Marius und seine Freunde herausgefunden, wie viel Spaß so etwas machen kann.“

„Ha, du hast dich also amüsiert!“ Cameron schmunzelt zufrieden.

Die Genugtuung werde ich ihm nicht geben. Ich entschließe mich zu einer vagen Antwort. „Ein ganz kleines bisschen vielleicht.“

Er hebt die Hand, um an meiner Mütze zu zupfen. „Lügnerin. Ich hab es in deinen Augen gesehen. Und ich habe ein Beweisfoto.“

Ich verliere mich für einen Moment in seinen Augen, bis mich ein Räuspern von Raff von dem Anblick löst. Kenne ich Cameron wirklich erst seit ein paar Stunden? Es kommt mir vor, als wären wir schon eine Ewigkeit befreundet.

„Ihr seid echt ein witziges Paar.“ Raff schiebt seine Brille ein Stück hoch und beobachtet uns belustigt. 

„Wir sind kein Paar“, schießen Cameron und ich gleichzeitig hervor.

Raff lacht. „Na, das kann ja nicht mehr lange dauern.“


***


Um kurz vor Mitternacht erreichen wir den See. Mittlerweile ist es bitterkalt. 

Raffs Worte hallen immer noch in meinem Kopf nach und ich frage mich, was Cameron darüber denkt. Aber aus uns würde sowieso nichts werden. Ich werde mich nicht dem nächstbesten Typen an den Hals werfen und er wird hier keine Freundin haben wollen, wenn er in einigen Wochen wieder nach Amerika zieht. Wir können Freunde sein, gute Freunde, ganz offensichtlich. Aber mehr nicht.

„Woran denkst du?“ Camerons Stimme reißt mich aus den Gedanken. Wir schlendern am Ufer entlang. Es hat aufgehört zu schneien, doch die Schneedecke sorgt dafür, dass wir nur langsam vorankommen. Da wir sowieso kein Ziel haben, lassen wir uns viel Zeit.

„Freundschaft“, antworte ich vage. Er muss ja nicht wissen, dass ich über eine Zukunft mit ihm als Kumpel nachgedacht habe. Vielleicht mag er mich gar nicht.

„Freundschaft“, wiederholt er, als würde ihm dadurch klar, worüber ich tatsächlich nachdenke. Er steckt seine Hände in die Jackentaschen und stapft eine Weile schweigend weiter. Es scheint nicht so, als würde er darauf warten, dass ich ihm erkläre, was ich damit meine. Viel mehr hat ihn dieses Wort in seine eigenen Gedanken geleitet. 

Ich beobachte ihn eine Weile von der Seite. Der Mond ist beinahe voll und erleuchtet seine nachdenklichen Züge. Er hat ein markantes Kinn, eins von denen, die in Parfümwerbung von hübschen Frauen geküsst werden. 

Ich frage mich, worüber er gerade nachdenkt. Ob er hier viele Freunde hat? Jemand, der so viel Humor und eine solche Einstellung zum Leben hat, muss einfach viele Freunde haben. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es jemanden gibt, der ihn nicht ausstehen kann.

Cameron bleibt plötzlich stehen, sein Gesicht strahlt, als wenn er gerade das beste Weihnachtsgeschenk aller Zeiten bekommen hätte. Dann hebt er die Hand und sagt: „Wenn du 100 Jahre alt wirst, möchte ich 100 Jahre minus einen Tag alt werden, so dass ich nie ohne dich leben muss.“

Erstaunt hebe ich eine Augenbraue „Winnie Pooh?“

Wer hätte gedacht, dass er aus einer meiner absoluten Lieblingsgeschichten zitieren kann? 

„Darüber hast du so lange nachgedacht?“

„Du kennst das Zitat?“ 

Wenn das überhaupt möglich ist, wirkt er enttäuscht und beeindruckt zugleich.

„Wer kennt das Zitat nicht?“, ärgere ich ihn, obwohl die wenigstens aus Winnie Pooh zitieren könnten. „Da musst du dir was Besseres einfallen lassen.“

Er verzieht die Lippen zu einem schrägen Lächeln, doch irgendwie erreicht es seine Augen nicht. Ich höre auf zu grinsen und überlege, ob ich ihn fragen soll, was los ist. Aber er spricht weiter, ohne dass ich ihn fragen muss.

„Ich hatte mal so einen Freund. Wir haben immer zusammengesteckt, bis er krank wurde. Leukämie.“ Cameron zieht die Schultern hoch und sieht mich verloren an. „Er ist zwei Tage nach seinem fünfzehnten Geburtstag gestorben, weil sie keinen Spender für ihn gefunden haben.“

„Oh, Cam…“ Ich greife nach seinen Händen und drücke sie. Sein Schmerz ist zum Greifen nah, auch wenn es schon so lange zurückliegt. Mir fehlen die Worte.

„Drei Tage nach seinem Tod habe ich entschieden, dass ich Kinderarzt werden will.“ Cameron findet meinen Blick und hält ihn. Ich will die Hand heben und sie an seine Wange legen, doch das kommt mir irgendwie falsch vor. Zu intim für unsere kurze Bekanntschaft.

„Er wäre sicher stolz auf das, was du bereits geschafft hast.“

Er lächelt und neigt den Kopf. „Da wäre ich mir nicht so sicher. Er war ziemlich faul.“

Ich lache leise. Unser Atem wirft Dunstwolken, die langsam nach oben steigen.

„Aber trotzdem war er wie ein Bruder für mich.“ Er drückt meine Hände. „Ich frage mich, was aus ihm geworden wäre, wenn er noch leben würde. Ob wir dann immer noch beste Freunde wären?“

Er tritt beiseite, damit wir weitergehen können, doch er lässt seine Hand in meiner liegen. Mit schneller klopfendem Herzen gehe ich neben ihm her und warte darauf, dass er weiterspricht.

„Ich habe schon ewig nicht mehr über ihn gesprochen“, gibt Cameron achselzuckend zu. Er tut so, als wäre es keine große Sache, doch die ist es. Er vertraut mir genug, um mit mir darüber zu sprechen.

„Meine Familie und Patrick sind der Grund, warum ich keine Fotos mehr mache“, schieße ich hervor, bevor ich es mir anders überlegen kann.

Cameron bleibt stehen und schaut mich an. Die Überraschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er versteht nicht, wie Fotos und Familie zusammenhängen können.

„Wie meinst du das?“

Ich presse die Lippen aufeinander, aber dann erkläre ich es ihm. „Ich habe früher viel fotografiert. Richtig viel. Und ich habe Bilder aus anderen Dingen gemacht. Deswegen wollte ich Kunst studieren. Ich hätte sogar ein Stipendium bekommen können. Aber stattdessen habe ich mich für Biologie entschieden.“

Die Wenigsten haben Verständnis für einen Studiengang, der nicht auf die Spitze der Karriereleiter führt. Vor Cameron ist es mir schon fast peinlich, weil er irgendwann ein erfolgreicher Kinderarzt wird und ich – tja, ich werde immer noch in botanischen Gärten knien und darüber fantasieren, was für tolle Kunstwerke man aus den vielen bunten Blüten basteln könnte.

„Warum hast du nicht das gemacht, was du wirklich wolltest?“

Schnaubend trete ich einen Schneehaufen weg. Er zerfällt in tausende Kristalle und rieselt langsam zu Boden. Mir gehen verschiedene Antworten durch den Kopf. Ich höre die Stimme meiner Eltern, aber vor allem die von Patrick, nachdem die erste Phase unserer Beziehung vorüber war und er meinen Traum mit den Füßen getreten hat. 

Zeichnen kann man auch so. Damit kann man kein Geld verdienen. Deine Bilder sind keine Kunst. Gott, ich kann nicht glauben, dass ich traurig wegen ihm bin. So wie er mich behandelt hat, sollte ich froh sein, dass ich ihn nun ein für alle Mal los bin.

Mit meinen Eltern auf der anderen Seite der Welt und ohne Freund, der mich immer wieder daran erinnert, dass ich irgendwann mein eigenes Geld verdienen muss, scheint mir mein Traum plötzlich wieder greifbarer zu sein. Wieso mache ich nicht das, was ich wirklich will? Wieso vertrödle ich meine Zeit mit Dingen, die andere für das Richtige halten?

„Ich schätze, ich hatte Angst“, sage ich schließlich. Cameron wirft mir einen Blick zu. Ihm ist nicht entgangen, dass ich von der Vergangenheit gesprochen habe.


***


„Ist dir kalt?“ Cameron beobachtet mich. Meine Unterlippe zittert schon, also ist es wohl zwecklos zu lügen, um die Nacht zu verlängern. 

Ich nicke niedergeschlagen. Das heißt dann wohl, dass er mich nach Hause bringt, um seine Tasche zu holen und wir spätestens um zwei in unseren eigenen Betten liegen und seelig schlummern.

Nein, erst muss ich meine Wohnung noch von allem bereinigen, was mich an Patrick erinnert. Vorher kann ich unmöglich schlafen gehen.

Cameron scheint zu spüren, dass ich noch nicht nach Hause möchte. Er legt mir einen Arm um die Schulter, um seine Körperwärme mit mir zu teilen, und erzählt mir, dass das Haus seiner Tante gleich um die Ecke liegt. 

„Ich mache dir eine heiße Tasse Kakao“, schlägt er vor. „Und das ist kein lahmer Move, um dich mit ins Haus zu bekommen. Ich mache wirklich den besten Kakao in der Stadt.“

Ich lasse mir seinen Vorschlag kurz durch den Kopf gehen und sage aller Vernunft zum Trotz ja. Warum auch nicht? Ich mag ihn, er mag mich und wir beide lieben offensichtlich heißen Kakao. Außerdem gibt es im Haus seiner Tante keine Fotos, die mich an Patrick erinnern.

Wir beeilen uns jetzt und nehmen die nächste Treppe, um vom Ufer ins Wohngebiet zu gelangen. Hier wohnen die Reichen der Stadt. Einfamilienhäuser, eins schöner als das andere, mit großen Gärten und riesigen Autos auf den breiten Einfahrten. Cameron führt mich durch ein paar Straßen.

Es fühlt sich merkwürdig an, Arm in Arm mit einem Kerl durch die Straßen zu laufen, den ich erst seit ein paar Stunden kenne, aber mir ist zu kalt, um mich jetzt von ihm zu lösen.

„So, da sind wir.“ Wir stehen vor einem modernen Einfamilienhaus mit roten Fenstern, hinter denen Lichterketten einladend strahlen. Cameron kramt in seiner Jackentasche nach dem Schlüssel und schließt die Tür auf. Sofort schlägt mir eine wohltuende Wärme entgegen. „Come on in.“

Im Haus riecht es nach Feuerholz und getrockneten Orangen. Cameron nimmt mir meine Jacke ab und hängt sie in die Garderobe. Wir schlüpfen aus unseren Stiefeln. Meine Socken sind an den Zehen nass, weil meine Stiefel nicht mehr dicht halten. Ich lege meinen Schal und meine Mütze neben seine Sachen auf die Heizung, damit sie trocknen können.

Zu unserer Linken steht eine Tür zur Küche offen. Gerade aus geht es durch einen Torbogen in ein gemütliches Wohnzimmer, dessen Einrichtung in einem starken Kontrast zum modernen Haus steht.

Ein weiches Sofa steht schräg neben einem großen Kamin, auf dessen Sims sich zahlreiche Familienfotos befinden. Der Raum öffnet sich zum Garten hin in eine Art Wintergarten, in dem neben einem Sessel ein großer, geschmückter Tannenbaum steht.

„Hast du das alles alleine dekoriert?“, frage ich erstaunt. 

„Ist ja sonst keiner da. Weihnachten ohne Deko geht einfach nicht.“ Er zuckt mit den Achseln und geht vor dem Kamin auf die Knie, um Holz zu schichten und es anzuzünden. Unter seinen Bewegungen spannt sich sein Holzfällerhemd über den Schultern. Als er fertig ist, steht er wieder auf und klopft sich die Hände an der Hose ab. Dann dreht er sich zu mir und breitet die Hände aus. „Gefällt es dir?“

„Auf jeden Fall.“ Das Haus ist so einladend, dass ich glatt hier einziehen würde. „Wo sind die Kater?“

„Die haben sich bestimmt versteckt, weil sie Angst haben, dass ich sie über dem Kamin röste“, antwortet er mit einem frechen Grinsen. „Setz dich. Ich mache Kakao. Möchtest du Fernsehen?“

„Nein, ich wärme mich nur ein bisschen auf.“ Ich deute auf den Kamin. Zufrieden dreht er sich um und geht in die Küche.

Ich lasse mich auf den Teppich vor dem Kamin sinken und schaue in die Flammen, die allmählich am Holz auflodern. 

Was für eine Nacht. Ich zwinge mich dazu, nicht darüber nachzudenken, wie es mit uns weitergehen könnte. Stattdessen überlege ich, was ich fotografiert hätte, wenn ich in dieser Nacht Fotos geschossen hätte. 

Vielleicht hätte ich seine Aufgabe annehmen sollen. Nur, weil ich nicht mein Geld damit verdiene, muss ich das Fotografieren nicht ganz aufgeben. Ohne Patrick, der mich ständig daran erinnert, dass meine Fotos nichts als zufällige Schnappschüsse wären, kann ich vielleicht wieder Spaß daran finden.

Es dauert nicht lange und mir wird mollig warm. Als Cameron mit den Tassen wiederkommt, bin ich fast eingenickt.

„Hey, nicht einschlafen.“ Er setzt sich im Schneidersitz neben mich und reicht mir die Tasse. „Erst musst du den Kakao probieren.“

In der Tasse schwimmen ein Sahnehäubchen und ein Haufen weißer Marshmallows, die allmählich zu schmelzen beginnen. „Hm, das sieht großartig aus.“

„So schmeckt es auch.“ Ohne Mütze und Jacke, die die Hälfte seines Gesichts verdecken, stelle ich ein weiteres Mal fest, dass er wirklich gut aussieht, obwohl er kein klassisches Modelgesicht hat. Am faszinierendsten sind seine Augen. So ein warmes Braun habe ich noch nie gesehen. 

Ich könnte ihn stundenlang betrachten.

Seine Lippen verziehen sich zu einem schrägen Lächeln, als er merkt, dass ich ihn betrachte. Ich komme nicht umhin mich zu fragen, wie es ist, ihn zu küssen. Verlegen wende ich den Blick ab und nehme einen Schluck aus meiner Tasse.

Prompt verbrenne ich mir die Zunge. „Autsch!“ 

„Vorsicht heiß.“ Er sieht mich entschuldigend an. „Hätte ich vielleicht vorher sagen sollen.“

Ich strecke ihm die Zunge heraus. Er grinst und stellt seine Tasse auf den Boden, um sich zurückzulehnen.

„Wo sind eigentlich deine Eltern? Wieso besuchst du sie nicht zu Weihnachten?“, fragt er.

„Die verbringen die Feiertage auf ihrem Segelschiff irgendwo im Pazifik.“ Ich verziehe das Gesicht. „Das Haus haben sie vor einem halben Jahr verkauft, um sich ihren Traum zu erfüllen.“

„Oh.“ Cameron pfeift anerkennend durch die Lippen. „Nicht schlecht.“

„Sie haben hart dafür gearbeitet.“ Ich zucke mit den Achseln. Trotzdem kann ich mich immer noch nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass in meinem alten Zimmer nun ein anderes Kind wohnt und dass alles, was mir einmal wichtig gewesen ist, im hohen Bogen auf den Sperrmüll geflogen ist.

„Du scheinst dich nicht besonders für sie zu freuen.“

„Doch, das tue ich.“ Das tue ich wirklich. Aber ich vermisse sie auch. Immerhin sind sie meine Eltern. „Es ist nur ein blödes Gefühl, nie genau zu wissen, wo sie sind und ob es ihnen gut geht. Sie melden sich nur alle paar Wochen mal.“

„Hm, das ist natürlich nicht so schön.“ Er schiebt die Ärmel seines Hemdes hoch und greift nach seiner Tasse. Dabei treten die Sehnen an seinem Arm stärker hervor. Ich zwinge mich dazu, ihn nicht dauernd anzustarren und schaue stattdessen ins Kaminfeuer.

Weil ich seiner Antwort nichts weiter hinzufügen kann, trinken wir den besten Kakao in der Stadt in einvernehmlichem Schweigen.


***


„Weißt du, was ich mit meinem Dad früher immer gemacht habe?“ Cameron hat die Tassen weggebracht und hilft mir hoch, um mich gleich darauf zur Tanne zu ziehen. Er schnappt sich eine Decke von der Couch und breitet sie unter dem Baum aus. Dann geht er auf die Knie, um sich mit dem Gesicht nach oben unter die Tanne zu legen. Sein halber Oberkörper verschwindet unter dem Baum, weil dieser so groß ist. Er klopft neben sich. „Komm her.“

Lachend lege ich mich neben ihn auf den Rücken. Er bemüht sich so sehr, mir eine schöne Nacht zu bescheren, obwohl er mich kaum kennt. Ein weiteres Mal frage ich mich, wie man ein so herzensguter Mensch sein kann und womit ich seine Fürsorge verdient habe.

Wir schauen eine Weile schweigend hoch. Die großen, schweren Weihnachtskugeln reflektieren die Lichter, so dass es sich anfühlt, als würden wir in einem Lichtermeer baden.

„Hast du eigentlich schon mal darüber nachgedacht, dass niemand einen so richtig kennt?“, fragt er irgendwann. „Ich meine, niemand weiß, wie hart man zu sich selbst ist. Niemand weiß, wovon man träumt und was man sich wünscht. Wofür man sich schämt. Alle kennen nur die Seite, die man ihnen zeigt.“

Ich betrachte ihn. Er wirft mir einen kurzen, verlegenen Blick zu, bevor er weiterspricht.

„Manchmal wünschte ich, es gäbe jemanden, der mich in- und auswendig kennt. Aber irgendwie ist der Gedanke auch beängstigend. Was, wenn dich dieser Jemand so gut kennt und dann verlässt? Das würde ja nur bestätigen, dass man sich niemals so weit öffnen sollte. Ich weiß nicht, ob ich dieses Risiko wirklich eingehen würde.“

Ich lasse mir seine Worte durch den Kopf gehen. Auf der einen Seite hat er Recht. Auf der anderen allerdings – 

„Wenn dich dieser Jemand nicht verlassen würde, dann bedeutet das aber auch, dass er nicht nur diese eine Seite mag, sondern alles, was dich ausmacht.“ Ich schenke ihm ein kurzes Lächeln. „Ist es nicht das, worauf es wirklich ankommt? Dass man jemanden findet, mit dem man alles teilen kann und der einen trotzdem liebt?“

Er lächelt zurück. In seinen Augen funkeln die Lichter des Tannenbaums. Einen Augenblick später spüre ich seinen Handrücken an meinem. Ich sehe, wie sich seine Brust hebt und senkt, dann schiebt er seine Hand in meine.

„Ich denke schon“, sagt er so leise, dass ich ihn kaum verstehe. Mein Herz schlägt schneller, als sich meine Finger um seine Hand schließen. Sein Blick ist so intensiv, dass ich ihn nicht länger ansehen kann. Ich schaue in durch die Zweige nach oben und fühle mich rundum glücklich.

Ich weiß nicht, wohin mich diese Nacht führt. Ich weiß nicht, ob wir uns wiedersehen werden oder ob wir einfach nur zwei Fremde sind, die ihr eigenes kleines Weihnachtswunder erlebt haben. Aber ich weiß jetzt schon, dass ich mich auch noch in fünfzig Jahren an diese Nacht erinnern werde.


***


Ein lautes Maunzen weckt mich. Blinzelnd schlage ich die Augen auf. Dicht vor meinen Augen liegt ein Kater auf dem Rücken und streckt sich genüsslich. Als er merkt, dass ich ihn beobachte, springt er auf und läuft davon.

Meine Hüfte schmerzt, aber mir ist mollig warm. Erst jetzt spüre ich den Arm, der meine Taille umschlingt und den heißen Atem in meinem Nacken.

Cameron. 

Wir liegen immer noch unter dem Tannenbaum. Er liegt hinter mir, seinen Arm unter meinen Kopf geschoben, damit ich ein Kissen habe. Ich versuche mich daran zu erinnern, wann ich eingeschlafen bin, doch es will mir nicht einfallen.

Eigentlich will ich mich nicht bewegen, aber meine Hüfte … Ich bin eindeutig schon zu alt, um auf einer dünnen Decke zu schlafen. Im Schneckentempo, um Cameron nicht aufzuwecken, drehe ich mich in seinen Armen auf den Rücken. Als ich zu ihm schaue, sehe ich, dass er mich grinsend beobachtet.

„Guten Morgen, Sonnenschein.“

Aufgeflogen. Ich kneife die Augen zusammen und reibe mir durchs Gesicht. „Morgen.“ 

Gott, ich habe bestimmt Mundgeruch und eine Frisur wie eine Vogelscheuche.

„Tun dir die Knochen auch so weh?“

„Aber hallo. Wir sind eindeutig zu alt für so etwas.“ Ich löse mich aus seinen Armen und klettere unter dem Weihnachtsbaum hervor. Max und Moritz liegen zusammengerollt auf der Couch. Einer von beiden hebt blinzelnd den Kopf, nur um sich gleich darauf wieder einzumummeln.

Cameron kriecht nach mir unter dem Baum hervor und streckt sich. Sein Hemd rutscht hoch und entblößt einen Streifen gebräunter Haut.

„Ich würde dir ja jetzt die besten Waffeln der Stadt machen, aber der Kühlschrank ist leer.“ Er verzieht das Gesicht. „Möchtest du einen Kaffee?“

„Gerne“, sage ich erleichtert, weil er mich noch nicht sofort rauswirft. 


***


„Okay, jetzt bin ich an der Reihe.“ Ich ziehe das Tagebuch aus meiner Handtasche und reiche es ihm. „Du hast mir diese Nacht so viele Geschenke gemacht, also musst du es einfach annehmen.“

„Danke, Ally.“ Er legt den Kopf schief und lässt seine Hand über das Leder gleiten.

„Versprichst du mir, dass du hineinschreiben wirst?“

Er lacht leise auf. „Aber nur, weil du es mir geschenkt hast.“

„Geht doch.“ Zufrieden strecke ich mich, bevor ich den letzten Schluck Kaffee austrinke. Mittlerweile ist es elf Uhr, aber keiner von uns macht Anstalten aufzubrechen, obwohl wir unsere Mägen knurren hören und er heute in ein Flugzeug steigen will und vorher noch seine Sachen bei mir abholen muss.

„Weißt du mittlerweile, was du an den Feiertagen machst?“

„Ehrlich gesagt habe ich mir darüber gar keine Gedanken mehr gemacht“, erwidere ich. „Aber ich fürchte, wir sollten langsam los, wenn du heute noch einen Flieger bekommen möchtest.“

Geht es nur mir so oder sieht er ein bisschen enttäuscht aus? Er fährt sich durch das Haar, bevor er seinen Kaffee austrinkt. 

„Da hast du Recht“, erwidert er schließlich und steht auf, um die Tassen abzuwaschen. Ich helfe ihm dabei.

Cameron gibt Max und Moritz noch etwas zum Fressen, dann vertröstet er sie auf die Frau von Gegenüber, die sich in seiner Abwesenheit um die beiden Kater kümmern wird. Wir ziehen uns an und verlassen das Haus.

Eine Weile gehen wir schweigend nebeneinander her. Über Nacht hat es noch mehr geschneit und die Straßen und Gehwege sind nur teilweise geräumt. Cameron grüßt hier und da ein paar Nachbarn, die gerade ihre Autos freilegen.

An der zweiten Ecke nimmt er meine Hand. 

Mein Herz macht einen Satz. Ich rede mir ein, dass er nur meine Hand genommen hat, damit ich nicht ausrutsche und in den Schnee falle, aber insgeheim spüre ich die Hoffnung in mir aufkeimen, dass diese Nacht der Anfang von etwas gewesen ist, was wir fortsetzen können, wenn er aus Amerika zurück ist.

„Wollen wir schauen, ob die Schneemänner noch stehen?“, fragt er, als wir uns für einen Weg entscheiden müssen. Froh um jede weitere Minute mit ihm, stimme ich zu.

Sie stehen tatsächlich noch und es hat sich sogar ein Dritter dazugesellt. Gemeinsam versperren sie die Straße und posieren für die Touristen, die es bei dem Wetter in die Stadt geschafft haben.

Wir schießen ein weiteres Foto, bevor wir unseren Weg fortsetzen. Mit jedem Schritt, den wir näher zu meiner Wohnung kommen, wird mein Herz schwerer. Ich will da nicht rein. Ich will nicht, dass diese Seifenblase platzt und mich zurück in die Realität fallen lässt. Cameron hat mir ein paar schöne Stunden geschenkt, doch sein Schweigen lässt die Schmetterlinge in meinem Bauch gefrieren. Er ist viel zu ernst. Habe ich etwas Falsches gesagt? Ist ihm klar geworden, dass das mit uns keine Zukunft hätte?

Als wir meine Wohnung erreichen, bin ich ein nervliches Wrack. Er folgt mir und ich lasse ihn hinein. 

Sein Rucksack steht gleich in dem kleinen, dunklen Flur mit meinen Jacken und dem Schuhregal, über dem ein eckiger Spiegel hängt. Ich sehe meine sorgenvolle Miene und wende mich schnell ab, um Cameron seinen Rucksack zu geben.

Er wirft ihn lässig über eine Schulter und schaut mich unsicher an. Wir stehen einander gegenüber und wissen nicht, was wir sagen sollen. Das war es dann wohl.

„Danke für alles“, sage ich schließlich seufzend. Irgendeiner muss ja den Anfang machen. „Das war eine wunderschöne Nacht.“

„Das stimmt.“ Er lächelt und greift nach meiner Hand. „Ich bin froh, dass ich mich umentschieden habe.“

Dann zieht er mich an sich und schließt mich in seine Arme. Ich schmiege mich an ihn, lege meine Hände um seinen Nacken und genieße seine Nähe. Er riecht immer noch nach Orangen und Feuerholz.

Seine Hand gleitet meine Wirbelsäule entlang und schiebt sich in meinen Nacken. Die andere liegt auf meinem unteren Rücken und presst mich näher an sich. Sein Atem kitzelt mein Ohr.

So stehen wir eine Weile da, keiner bereit den anderen loszulassen.

„Meine Familie weiß nicht, dass ich kommen wollte“, sagt er schließlich leise. Seine Stimme ist ganz dicht an meinem Ohr. „Vielleicht bleibe ich einfach hier und wir verbringen die Feiertage zusammen. Was hältst du davon?“

Was ich davon halte? Mein Herz flattert davon und meine Wangen erröten. Trotzdem versuche ich, mir meine Freude nicht zu sehr anmerken zu lassen.

„Wenn du dir da ganz sicher bist.“ Ich zucke mit den Achseln, als würde mir das alles nichts ausmachen, auch wenn mein Blick sicher etwas anderes sagt. In diesem Moment bin ich froh, dass er mich nicht ansieht. „Ich hätte nichts dagegen.“

„Dann heißt es wohl doch nicht Abschied nehmen.“ Er löst sich von mir und strahlt mich an. Wie schnell man ihn glücklich machen kann, ist wirklich ein Wunder.

Sein Grinsen ist ansteckend. Ich schüttle sprachlos den Kopf.

„Ich hole dich morgen ab“, schlägt Cam vor. „Meine Tante hat ein paar tolle Filme und-“

„Lass mich raten.“ Ich grinse. „Du machst das beste Weihnachtsessen in der ganzen Stadt.“



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Nun wünsche ich euch erstmal ein Frohes Fest mit euren Lieben, gaaanz viel leckeres Essen und tolle Geschenke! Vor Silvester melde ich mich auf jeden Fall noch einmal mit einem Jahresrückblick - Versprochen!

Alles Liebe,

eure Kim. <3