Gedacht | Self-Education für einen vielfältigen Lebenslauf

Wenn ich an die Phase denke, in der ich mich nach meinem Studium bewerben muss, werde ich nervös. Dann mache ich mir Sorgen, ob ein Abitur und ein Germanistikstudium überhaupt noch reicht. Habe ich die richtige Entscheidung getroffen? Hätte ich nicht vielleicht doch lieber Lehramt studieren sollen? Oder sogar etwas mit noch größeren Zukunftschancen - Jura vielleicht?

Aber dann denke ich darüber nach, dass die meisten heutzutage eine Ausbildung oder ein Studium machen und viele davon mit guten Noten abschließen. Was im Bewerbungsgespräch später also überzeugt, können eigentlich nicht die Schulleistungen oder die exzellenten Noten im Studium sein.

Ein klassischer Berufsberater würde nun vermutlich sagen, es kommt auf Praktika und Beziehungen an. Vielleicht auch noch Berufserfahrungen in einem Nebenjob. Und wenn er seine Arbeit gut macht, sagt er euch, dass der Charakter unter Umständen auch eine Rolle spielen kann.



Ich wage zu behaupten, dass damit nicht nur gemeint ist, ob dem Chef eure Nase sympathisch ist oder nicht, sondern dass mit Charakter vor allem ein vielfältiger Lebenslauf gemeint ist: Erfahrungen, die untermalen, dass ihr ein interessierter Mensch seid, Fähigkeiten, die zeigen, dass ihr für diesen Job perfekt geeignet seid, Hobbies, die sich von den Klassikern (Freunde, Musik, Lesen, etc.) unterscheiden, Sprach- oder Softwarekenntnisse, die euch von der Masse abheben. Je mehr ihr sammelt, umso interessanter wird euer Charakter und umso neugieriger wird derjenige, der eure Bewerbung erhalten hat.

Ihr seid eures Schicksals eigener Schmied, wie man so schön sagt, und wenn ihr interessiert daran seid, eurem Charakter "mehr Charakter" zu verleihen, könnte Self-Education ein Konzept für euch sein.

Was ist Self-Education?


Self-Education ist das, was der Name schon sagt: man nimmt seine Ausbildung in die eigene Hand. Das Konzept kommt aus dem englischsprachigen Raum. Vor allem in Ländern, in denen eine klassische Schulausbildung sehr viel Geld kostet, hat man sich von großen Persönlichkeiten inspirieren lassen, die keine klassische Schulausbildung hinter sich haben und trotzdem sehr erfolgreich geworden sind. Eine Liste mit berühmten Autodidakten findet ihr hier.

In dem man seine Ausbildung in die eigene Hand nimmt, lernt man unabhängig von Schule und Universität und damit meistens auch ein ganzes Leben lang. Hat man erst einmal damit angefangen, sein Lernen nach Interessen und Dingen, die man wirklich brauchen kann, auszurichten, entwickelt man sich in rasantem Tempo weiter. Autodidaktisches Lernen ist also ein Garant für persönliches Wachstum.

Das soll nicht bedeuten, dass ihr nun auf der Stelle eure Schule / eure Ausbildung / euer Studium abbrechen sollt, aber vielleicht habt ihr Lust, euch nebenbei Sachen anzueignen, die euch interessieren oder von denen ihr denkt, dass ihr sie wirklich gebrauchen könnt. Ihr werdet schnell feststellen, dass ihr in manchen Bereichen besser selbstständig lernen könnt als über einen klassischen Weg, weil ihr

* eure Zeit selbst einteilen könnt.
* euer Material selbst zusammen suchen könnt.
* ihr viel mehr durch Ausprobieren lernt.
* euer Wissen nicht nur theoretisch lernt, sondern gleich anwenden könnt.

Wie lernt man autodidaktisch?


Es gibt zig verschiedene Wege, um dazuzulernen. Wer schon einmal einen längeren Auslandsaufenthalt gemacht hat, wird wissen, dass er große Fortschritte in der Sprache gemacht hat. Wer ein Buch geschrieben hat, wird wissen, dass man schreiben am besten durchs Schreiben und Lesen lernt. Wer schwimmen lernen will, sollte nicht Bücher lesen, sondern einen Schwimmkurs besuchen. Ein "Rezept", das in vielen Fällen funktioniert, ist dieses "3-Punkte-Programm":

1. Fähigkeiten entwickeln

Ziel setzen - Für erfolgreiches Lernen muss zunächst einmal feststehen, was überhaupt das Ziel ist. Nehmen wir als Beispiel die Sprache Französisch: ihr wollten schon immer Französisch sprechen, also nehmt ihr euch vor, im einem bestimmten, festgelegten Zeitraum die Sprache insoweit zu lernen, dass ihr auf französisch Höflichkeitsfloskeln austauschen könnt und einfachen Small Talk beherrscht.

Material sammeln - Ihr macht euch einen Plan und überlegt, welche Materialien ihr braucht, um effektiv selbst lernen zu können. Im Fall Französisch könnte das ein Sprachentrainer sein, der mit einem Audioprogramm und einem Textbuch kommt. Vielleicht nehmt ihr dazu noch einige bilinguale Bücher oder ihr sucht euch eine Online-Zeitung in der Zielsprache. Vielleicht schaut ihr aber auch lieber YouTube-Kanäle oder Serien in der Zielsprache.

Regelmäßig üben - Um effektiv zu lernen, nehmt ihr euch jede Woche Zeit, um eure neue Fähigkeit zu entwickeln. Das macht ihr einfach abhängig von euren sonstigen Verpflichtungen. In unserem Beispiel schafft ihr vielleicht drei Stunden die Woche, vielleicht aber auch mehr oder weniger. Beim autodidaktischen Lernen könnt ihr ja glücklicherweise selbst entscheiden.

2. Beziehungen aufbauen und einen Mentor finden

Beziehungen aufbauen - Das Internet ist voll von Menschen, die autodidaktisch lernen und immer auf der Suche nach "Study Buddies" sind. Im Fall Französisch sucht doch einfach nach Menschen, die ungefähr auf einem ähnlichen Level sind wie ihr und Lust haben, sich gelegentlich mit euch auszutauschen. So könnt ihr nicht nur über euer Lernthema diskutieren, sondern baut gleichzeitig Beziehungen auf, die euch später immer mal zu Gute kommen können.

Einen Mentor finden - Genauso wichtig ist es, einen Mentor auf dem Gebiet zu haben. Das muss nicht unbedingt ein Professor sein, aber er sollte ein viel größeres Wissen haben als ihr (wenn nicht sogar ein Experte auf dem Gebiet sein). Er muss euch nicht unterrichten, aber er sollte für euch da sein, wenn ihr Fragen habt oder Rat braucht. Bedenkt nur, dass ihr eurem Mentor auch einen Wert bieten solltet, da er sonst kaum Interesse daran haben wird, euch regelmäßig zu helfen. In unserem Beispiel wäre ein Tandem-Sprachpartner wohl die beste Wahl - also jemand, der eure Sprache lernen möchte, und euch im Gegenzug dazu bei eurem Französisch hilft. Dazu könntet ihr Briefe schreiben, Chatten, Skypen oder Telefonieren.

3. Anwendung

Ausprobieren - Wenn ihr eine bestimmte Stufe beim Lernen erreicht habt, ist es an der Zeit, eure Fähigkeit endlich anzuwenden. Das kann für den ein oder anderen beängstigend klingen, aber hey - ihr habt euch so viel Mühe gemacht, um diese eine Sache zu lernen und auslachen wird euch sicher auch keiner. Im Fall Französisch - ihr erratet es sicher schon - würdet ihr nun in den Urlaub fahren oder einen längeren Auslandsaufenthalt machen, in dem ihr eure Sprachkenntnisse anwenden könnt. Stellt euch nur mal vor, wie stolz ihr auf euch sein werdet, wenn ihr zum ersten Mal in Paris nach dem Weg gefragt habt.

Und was soll ich lernen?


Als ich das erste Mal über das Konzept "Self-Education" gestolpert bin, war ich sofort Feuer und Flamme. Trotzdem hat es eine Weile gedauert, bis ich mir meinen individuellen Lehrplan zusammengestellt habe und mir überlegt habe, was ich überhaupt lernen möchte.

Was mir letztendlich sehr dabei geholfen hat, herauszufinden, wohin ich möchte, war eine Art kleines Self-Assessment und jede Menge Inspiration durch Blogs und Websites (eine ausführliche Liste mit meinen Lieblingsblogs und -websites zum Thema bekommt ihr in einem anderen Blogartikel - für den Anfang schaut euch doch die Links unter dem Artikel mal genauer an). 

Mein Self-Assessment bestand aus diesen acht Punkten, die ich mit viel Nachdenken beantwortet habe und nun Tag für Tag in meinem Bullet Journal mit mir herumtrage:

* Welche Rolle/n möchte ich in meinem Leben spielen?
* Ich habe 90 Sekunden, um einem anderen meine Persönlichkeit zu erklären. Was würde ich ihm erzählen?
* Was sind meine Werte? (Dazu könnt ihr euch von dieser Liste inspirieren lassen.)
* Was macht mich glücklich?
* Wenn Geld keine Rolle spielen würde, würde ich ...
* Darin bin ich gut
* Das könnte ich verbessern
* Das wollte ich schon immer mal lernen

Ich für meinen Teil habe entschieden, dass ich in diesem Jahr Spanisch lernen möchte und mir Wissen in den Gebieten Marketing, SEO und Content-Management aneignen will. Außerdem lese ich zur Zeit viel zu den Themen Minimalismus, Zeitmanagement und Projektplanung. Das sind alles Sachen, die ich in meinem Studium nie lernen würde, die ich aber super interessant finde und von denen ich glaube, dass ich sie in meinem späteren Beruf gut gebrauchen kann. Sei es nun als Pressemitarbeiterin eines Verlages oder anderen großen Unternehmens oder auch als Autorin und Bloggerin. Übrigens: wenn ihr euch genauso sehr für eines der Themen interessiert und Lust habt, mein Study Buddy zu werden, schreibt mir doch eine Mail.

Hier findet ihr weiterführende Informationen und einige meiner Lieblingsartikel zum Thema


Leider habe ich bisher noch nicht nach deutschen Blogs und Websites gesucht, die über das Thema schreiben. Wenn ihr da etwas kennt, würde ich mich über einen kurzen Kommentar freuen.

Self Made Scholar - Ultimate Self-Education Reading List
(Auf dieser Website findet ihr jede Menge Grundlagen zum Thema.) 
Zen Habits - Advice for People in Their Early 20s  // Zen Habits - The Best & Less-than-Best Motivations for Learning // Zen Habits - Learning Tips for the Top 8 Learning Challenges
(Yep, ich liebe Leo Babautas Artikel - wenn ihr Zeit habt, solltet ihr unbedingt mal sein Archiv durchgehen, denn er bietet sehr viel inspirierenden und motivierenden Stoff.) 
Boho Berry - Level 10 Life + Level 10 Goals
(Auf Karas YouTube-Kanal bin ich zum ersten Mal über das Bullet Journaling gestolpert. Jetzt ist sie meine größte Inspiration, um mein Leben zu dokumentieren. Vor allem ihr Artikel zum "Level 10 Life" hat mich inspiriert, Ziele für diese 10 großen Bereiche meines Lebens zu setzen.) 
DIY Genius - 100+ Self-Education Resources For Lifelong Learners
(Eine große Liste mit zahlreichen Websites, die für Autodidakten interessant sind.) 
Uncollege - Hey Teenagers, Your Lives are Just Starting // Uncollege - What is Your Intellectual GPS?
(Wenn ihr noch keinen blassen Schimmer habt, wo ihr in eurem Leben hin wollt, solltet ihr euch diesen Blog mal genauer anschauen. Hier gibt es jede Menge Inspiration von Menschen, die ihre Bildung in die eigene Hand genommen haben.) 
Pick the Brain - The Importance of Education in Personal Growth
(Pick the Brain ist nicht nur für Autodidakten ein interessanter Blog. Auch die Artikel zu Themen wie Produktivität und Motivation sind wirklich inspirierend.)
Wenn ihr euch dafür interessiert, werde ich in den kommenden Wochen eine Leseliste zusammenstellen (ähnlich der Leseliste zum Thema Schreiben), die alle meine Lieblingsblogs, Websites, Tools und YouTuber enthält.

Konnte ich euer Interesse wecken? Oder seid ihr vielleicht selbst schon längst "Hackademics"?


Ich freue mich wie immer auf eure Kommentare!

Alles Liebe,
eure Kim.