Gedacht | Walking Down Memory Lane

Hallo ihr Lieben!

Was im Leben wirklich wichtig ist - so hieß mein letztes Update, in dem ich mit euch darüber gesprochen habe, wie schwierig diese Zeit der Chemotherapie tatsächlich werden kann. Ich habe euch einen Einblick in mein Seelenleben gewährt, das zu der Zeit von den unterschiedlichsten Emotionen heimgesucht wurde, und ihr habt mir mit euren Antworten so viel Rückhalt gegeben. So viel Kraft, um den Rest der Zeit auch noch zu überstehen.

Nachdem ich beim letzten Mal also über mein Verständnis von Glück geredet habe und weiterhin viele glückliche Momente gesammelt habe, möchte ich heute mit euch über Dankbarkeit reden und euch natürlich einen kleinen Einblick in die letzten Wochen geben.



Ich bin ehrlich mit euch: ich habe die Nase gestrichen voll. Es ist nicht so, dass ich die ganze Zeit über dem Eimer hängen würde und dass ich nicht auch einige tolle Dinge erlebt habe in den letzten Wochen - aber ich habe keine Lust mehr darauf, mindestens einmal die Woche im Krankenhaus zu sitzen und zu warten. Ich habe keine Lust mehr darauf, ständig in den Finger gepikst zu werden, um danach unterirdisch schlechte Blutwerte geliefert zu bekommen und ich habe auch keine Lust mehr darauf, mich nach der Chemo zu fühlen, als bestünde ich aus purem Carboplatin. Ich sag euch: die ersten paar Tage nach der Chemo sind meine Lippen fast grau - da kann man sich doch nur vor sich selbst ekeln.

Immerhin hatte ich nur einen Chemozyklus, bei dem ich mehrere Tage über dem Eimer gehangen habe. Das lag nur daran, dass durch den Wegfall des einen Chemomittels auch gleich das gute Mittel gegen Übelkeit weggelassen wurde (das bekomme ich mittlerweile wieder dazu). Viel schlimmer sind die ständigen Kopfschmerzen, das Gefühl, als würde ich nicht genug Luft bekommen und die Schwindelattacken, sobald ich mich zu sehr anstrenge.

Gott, ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie gerne ich einfach mal wieder rennen würde, bis ich das Gefühl habe, dass mein Herz aus meinem Brustkorb hüpft. Oder wie gerne ich Achterbahn fahren würde, bis mir schlecht wird oder wie gerne ich einen Zopf flechten würde, um ihn gleich darauf wieder zu lösen.

Es gibt so viele Dinge, die ich wirklich vermisse. So viele Menschen, die mir wirklich fehlen - auch wenn ich gleichzeitig so viele Menschen um mich herum habe, die mich wirklich glücklich machen.

Eine Krankheit wie diese, bei der man plötzlich mit der Möglichkeit des Sterbens konfrontiert wird, lässt einen Menschen wie mich über die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nachdenken. Ob man will oder nicht, es gibt die Momente, in denen man sich fragt, wofür man damit bestraft wird. Es gibt die Tage, an denen man denkt, man lebt in einem schlechten Film und kann einfach nicht verstehen, wieso das ausgerechnet einem selbst passiert. Dann denkt man schon mal, dass das Leben unfair ist, dass man noch viel zu jung für eine solche Bürde ist, dass man noch gar nicht genug erlebt hat, um mit der Möglichkeit des Sterbens konfrontiert zu werden.

Ich denke dann viel über das Leben nach und darüber, wie weit ich in den Monaten seit meiner Diagnosestellung gekommen bin. In gewisser Weise ist meine Krankheit ein Weg zu mir selbst. Ich bleibe für einen Moment stehen, blicke zurück und sehe das, was ich schon alles erlebt habe und wie viel ich während der letzten Monate dazu gelernt habe.

Jetzt bin ich geduldiger und ausgelassener. Ich habe gelernt zu verzeihen und an meine eigene Stärke zu glauben. Mein Leben ist befreiter von Zwängen, weil ich weiß, dass alles kann, aber nichts muss. Ich habe mich von all den Dingen getrennt, die mein Leben negativ beeinflussen und viel mehr von dem dazu geholt, was mir wirklich Spaß macht.

Wenn ich sentimental werde, denke ich an alte Freunde und überlege nicht mehr lange, sondern schreibe ihnen einfach. Ich denke an meine Familie und zögere nicht, sondern rufe sie an, wenn sie mir fehlen. Ich mache Pläne für eine Zukunft, die in meinen Händen liegt und arbeite an einem reinen Herz, damit ich am Ende meines Lebens nie etwas bereuen muss.

Ja, ich weiß nicht, ob ich fünfundzwanzig oder über hundert werde, aber ich will auch nicht darüber nachdenken. Stattdessen denke ich lieber an die vielen, kleinen Momente, aus denen mein Leben besteht. An die Farben und Klänge und Erinnerungen und Emotionen - an all das, was nur mir gehört und was mir meine Krankheit nicht nehmen kann. Und dann denke ich an ein Zitat, was wirklich gut zum Leben passt:

Und ich will, dass du weißt, ich bin glücklich und traurig zugleich und versuche noch immer herauszufinden, wie das eigentlich sein kann. 
- Stephen Chbosky: Das also ist mein Leben

Heute habe ich meine fünfte Chemo bekommen. Ich bin also fast durch mit dem schlimmsten Teil und ich habe wunderbare Neuigkeiten: der letzte Ultraschall hat gezeigt, dass nichts mehr zu sehen ist. Meine Erinnerung, die ich damit verknüpfe, ist aber nicht der Moment, in dem mein Arzt die Nachricht verkündet. Es ist auch nicht der Moment, in dem ich mich wieder anziehe und mir bewusst wird, dass ich tatsächlich wieder gesund werde.

Es ist der Moment, in dem ich mit meinem Freund zurück ins Wartezimmer komme, in dem unser bester Freund sitzt und auf uns wartet. Der Moment, in dem ich es zum ersten Mal laut ausspreche und in seinen Augen sehe, wie sehr ihr alle mit mir fiebert und wie sehr ihr euch mit mir freut.

Ich weiß, dass viele meiner Freunde aus dem "echten" Leben diese Zeilen hier lesen und ich möchte, dass ihr wisst, dass ihr (egal, ob echt oder online) der Grund dafür seid, dass ich so stark sein kann. Wegen euch gibt es Tage, an denen ich ein kleines bisschen verrückt werde und an all die schönen Momente denke, die ich mit euch schon geteilt habe. Ihr gebt mir das Gefühl, dass die ganze Welt mit mir aufatmet und sorgt dafür, dass ich so froh bin, dass ich euch habe.

Deshalb kann ich mir keinen schöneren Grund vorstellen dankbar zu sein.

Alles Liebe,
eure Kim.