Geschrieben | Strategiespiel: Überarbeitung

Es macht keinen Spaß, es ist furchtbar anstrengend und noch dazu absolut notwendig: die Überarbeitung.


Allein das Wort suggeriert schon ein bestimmtes Bild in meinem Kopf. Arbeit macht sowieso so gut wie nie Spaß und dann auch noch ein Über davon - das kann ja nur bedeuten, dass ich in den kommenden Wochen keinen Spaß mehr am Leben haben werde. Kein Wunder also, dass ich nicht blind in den Haufen voller Arbeit eingetaucht bin, sondern erst einmal gründlich überlegt habe, wie ich meine Zeit am effektivsten nutzen kann. Welche Strategie ich dabei entwickelt habe und auf welche Links und Hilfsmittel ich dabei zurückgreife, möchte ich euch in diesem Artikel zeigen. Als Beispiel habe ich - wie soll es auch anders sein - mein aktuelles Projekt Love, Kiss, Cliff ausgewählt.



1. Ausgangslage beurteilen.


Es ist soweit. Ihr habt es geschafft und das kleine Wörtchen Ende unter euren Text gesetzt. Wahrscheinlich seid ihr so wie ich voll von Euphorie und Tatendrang, aber jetzt ist erst mal Warten und Ablenkung an der Reihe, denn ihr seid noch viel zu eng mit euren Charakteren und dem Plot verbunden. Schließt also euer Manuskript und macht in den nächsten Wochen Dinge, die euch Spaß machen oder arbeitet an einem anderen Projekt. Erst, wenn ihr das Gefühl habt, ihr seid soweit, schnappt euch euer Manuskript und verschafft euch einen ersten Überblick.

Für mich bedeutet das nicht nur, dass ich eine To-Do-Liste bis zur Veröffentlichung schreibe, sondern auch, dass ich mein Manuskript zum ersten Mal an einem Stück durchlese. Dabei mache ich eine Liste mit allen Szenen, die ich für das Projekt geschrieben habe. Das ist ein Haufen Arbeit, aber die Liste möchte ich später nicht mehr missen, denn so habe ich einen Überblick über die gesamte Geschichte, ohne ständig im Text nachsehen zu müssen.

Meine Szenenliste nehme ich mir schließlich genauer vor und achte insbesondere auf die Stellen, an denen noch Material fehlt. Das war mir bei Love, Kiss, Cliff sehr wichtig, da ich euch eine erweiterte E-Book-Version versprochen habe, in der jede Menge Szenen auftauchen werden, die ihr vom Blogroman noch nicht kennt. Aber auch für jede andere Geschichte empfinde ich diesen Schritt als sehr wichtig, denn anhand einer Szenenliste merkt man schnell, wo Material fehlt und an welchen Stellen man eigentlich zu viel um den Brei herum geredet hat.


2. Szenen anhand eines Schemas überprüfen.


Der nächste Schritt mag sich für viele zunächst gruselig anhören. Immerhin hat man mit seiner Geschichte etwas geschaffen, das sich auf den ersten Blick nicht so leicht in Schemata pressen lassen kann oder auch soll. Dennoch ist es so, dass die meisten erfolgreichen Geschichten (Ausnahmen bestätigen hier die Regel) bei genauerem Hinsehen sehr wohl gewisse Schemata verfolgen. Ich werfe dazu einfach mal Begriffe wie die Heldenreise, die 3- oder 5-Akt-Struktur oder auch das 7-Punkte-System in den Raum, von denen die Schreibinteressierten unter euch sicher schon einmal gelesen haben oder sie vielleicht sogar selbst anwenden.

Viele dieser Handlungsstrukturen sind sich in ihren zentralen Elementen sehr ähnlich und so ist es hauptsächlich Geschmacksache, für welches Plotschema man sich entscheidet. Für mein Projekt funktioniert dieses Mal die 27 Chapter Outline am besten, die im Prinzip eine ausführliche Version einer Akt-Struktur ist. Hierbei gefällt mir die Unterteilung in Set-Up - Conflict - Resolution sehr gut, denn ein großer Teil meiner Szenen lässt sich ohne große Änderungen in dieses Schema einfügen.

Die Stellen, an denen meine Geschichte nicht zum Raster passt, sind meistens auch die Stellen, denen ich ansehe, dass sie so nicht funktionieren können. Manchmal reicht es, die Reihenfolge mancher Szenen umzustellen, manchmal muss ich aber auch Szenen hinzufügen oder welche streichen, damit das Schema funktioniert und die Geschichte dazu gewinnt. Angst davor, dass die Geschichte dadurch langweiliger wird, braucht ihr nicht zu haben - solche Handlungsmuster gibt es schließlich nicht ohne Grund.



3. Das i-Tüpfelchen für meine Szenenstruktur.


An dieser Stelle könnte man sofort in die Überarbeitung springen oder genauso wie ich seine an eine Plotstruktur angepasste Szenenliste noch einmal im Detail überprüfen. Dazu benutze ich die Scene-Sequel-Struktur, die perfekt dazu geeignet ist, seinen Szenen eine Daseinsberechtigung zu verpassen. Ich habe jede einzelne Szene meiner Geschichte in Scene und Sequel eingeteilt und auf die jeweiligen drei Komponenten untersucht. Dabei ist eine detaillierte Szenenliste herausgekommen, anhand derer ich meine Überarbeitung endlich starten kann.


4. Der Prozess der Überarbeitung.


Nach den ganzen Vorarbeiten, die ich mir sicher hätte sparen können, wenn ich von Anfang an brav geplottet hätte, geht es nun los mit der eigentlichen Überarbeitung. Das ist der Teil, vor dem ich mich komischerweise am meisten gefürchtet habe, obwohl dieser Teil durchaus am meisten Spaß machen kann.

Nun öffne ich nämlich ein neues Dokument und füge die Szenen in der Reihenfolge meiner Szenenliste ein (da ich Scrivener benutze, ist der Überblick hier sehr viel leichter als bei Word - wenn ihr mehr dazu wissen möchtet, scheut euch nicht zu fragen) und dann geht's an Eingemachte. Szene für Szene wird im Hinblick auf fehlendes Material und ihre Funktion hin überarbeitet. Ich verändere Texte, füge hinzu und nehme weg. Alle größeren Textstellen, die ich aus dem Manuskript entferne, landen bei mir in einem zweiten Dokument, damit ich später immer noch mal darauf zugreifen kann. In diesem Schritt kann ich noch einmal richtig kreativ werden.

Übrigens: während ich auf innere Logik und Plot hin überarbeite, achte ich noch nicht so sehr auf Stil und Rechtschreibung. Wenn mir etwas auffällt, korrigiere ich es aber trotzdem gleich mit.


5. Ausdruck und Feinkorrekturen.


Wenn ich mit dem vierten Schritt fertig bin, habe ich ein Manuskript, das in meinen Augen funktioniert (was Lektoren oder Beta-Leser später dazu sagen, ist hier ja erstmal unwichtig). Nun kann ich das Manuskript zum ersten Mal ausdrucken (denkt unbedingt an Seitenzahlen und einen angenehmen Zeilenabstand!), ohne mich später über das verschwendete Papier zu ärgern, denn jetzt folgen die Feinkorrekturen.

5.1 Probe lesen

Zuerst lese ich mein Manuskript an einem Stück (möglichst an einem Tag, damit ich die gesamte Geschichte überblicken kann) und markiere mir alles, was mir irgendwie auffällt und mache ggf. Notizen, was ich später im Dokument noch ändern möchte.

5.2 Setting und Hintergrund

Es folgt ein weiterer Durchlauf, bei dem ich meinen Blick auf Setting und Hintergrund-informationen richte. Für mich ist dieser Schritt sehr wichtig, denn ich empfinde diese beiden Komponenten als meine Schwachstellen, die ich beim Schreiben gerne überspringe. So markiere ich Stellen, die meiner Meinung nach mehr Beschreibungen vertragen können und mache mir Notizen zu der Art von Beschreibung, die ich später gerne hinzufügen möchte. Das Gleiche mache ich mit Hintergrundinformationen zur Geschichte meiner Protagonisten, die ihnen mehr Tiefe verleihen sollen - dabei muss aber auch darauf geachtet werden, dass weniger meistens mehr ist.

5.3 Dialoge

Dialoge sind ein weiterer Punkt, der einer gesonderten Überarbeitung bedarf, da sie in einer Erstfassung nur selten perfekt gelingen. Hierbei achte ich vor allem darauf, dass die Charaktere in ihrer Stimme sprechen, dass die Dialoge informativ und trotzdem emotional sind, dass der Leser nicht den Überblick über die Sprecher verliert und natürlich darauf, dass die Redebegleitsätze gut abgestimmt sind. 

Im Anschluss daran übernehme ich alle Korrekturen auch in meiner digitalen Version, die darauf hin so gut wie fertig sein sollte.


6. Einteilung in Kapitel.


Jetzt ist mein Text so gut wie fertig, also kann ich ihn in sinnvolle Kapitel einteilen. Wie die meisten anderen auch, habe ich beim Schreiben natürlich längst Sinnabschnitte gemacht, die ich aber nun anhand von Plotstruktur und überarbeitetem Text noch einmal überdenke. Dabei achte ich vor allem darauf, dass die Kapitel nicht zu lang werden und immer schön mit einem Cliffhanger enden. Ich will ja schließlich, dass meine Leser die ganze Nacht wach bleiben, um mein Buch zu lesen.




7. Ausdruck und Stil- bzw. Rechtschreibkorrektur.


Nun schnappe ich mir meinen ersten Ausdruck, drehe ihn um und bedrucke ihn von der Rückseite mit der neuen Version meines Manuskripts. Dabei wähle ich eine andere Schriftart, denn irgendwo habe ich gelesen, dass man so einen neuen Blick auf sein Manuskript bekommt und Fehler schneller auffallen. Ob das wirklich funktioniert, weiß ich nicht, aber einen Versuch ist es wert.

Dieser Ausdruck dient nun meiner Stil- und Rechtschreibkorrektur. Ich unterteile meine Kapitel wieder in etwas kleinere Abschnitte und lese mir meine Geschichte Abschnitt für Abschnitt vor, um dabei

* Stellen zu beheben, die holprig klingen.
* Rechtschreib- und Grammatikfehler zu finden.
* Wörter zu markieren, für die ich Synonyme finden möchte.
* Füllwörter zu streichen.
* schwache Verben durch starke auszutauschen.
* Passiv und andere unschöne Umschreibungen zu streichen.
* Gleichzeitigkeitanzeiger wie während und als aus meinem Manuskript zu streichen.

Wenn ich damit durch bin, übernehme ich alle Korrekturen wieder in meiner digitalen Version, die daraufhin fürs Erste fertig ist.


8. Und jetzt?


Das hängt ganz davon ab, was ihr für euer Buch geplant habt. Unabhängig davon, ob ihr die Geschichte an einen Verlag schicken möchtet oder als Self-Publisher euren Weg bestreiten wollt, würde ich euch an dieser Stelle empfehlen, eine Handvoll Testleser auszuwählen, die folgende Kriterien erfüllen sollten:

* Ihr solltet euch sicher sein, dass eure Testleser ihre Aufgabe ernst nehmen und keine Angst davor habe, Kritik zu üben. Soll heißen, eure Geschwister oder euer Lebenspartner sind nicht unbedingt die Richtigen für diese Aufgabe. Es sei denn, ihr wisst, dass sie sich nicht davor scheuen, euch auseinanderzunehmen.
* Eure Testleser sollten selbst viel lesen oder sogar selbst schreiben - und das am besten in dem Genre, in dem ihr schreibt. Was nützen euch Meinungen von Menschen, die sonst nur zwei Bücher im Jahr lesen und euch nur einen Gefallen tun möchten? Ihr braucht jemanden, der den Markt kennt und der weiß, welche Geschichten funktionieren und welche nicht.
* Eure Testleser sollten in der Lage sein, ihre Kritik und Vorschläge konstruktiv zu formulieren. Wenn ihr euch nicht sicher seid, ob der- oder diejenige richtig für diese Aufgabe ist, gebt ihnen doch ein Probekapitel, an dem sie zeigen können, was sie drauf haben. Fühlt euch nicht verletzt, wenn ihre Kritik hart klingen mag, sondern ruft euch in Erinnerung, dass sie auf eurer Seite stehen und nur das Beste für euren Text möchten.

Um euren Testlesern klar zu machen, worauf sie ihren Fokus legen sollen, schickt ihnen doch mit eurem Manuskript eine kurze Nachricht zu, in der ihr Fragen formuliert oder Punkte nennt, auf die sie besonders achten könnten. Dabei solltet ihr aber immer höflich bleiben und nicht zu viel erwarten, immerhin werden sie nicht dafür bezahlt und es ist ihr gutes Recht, den Text nicht bis ins Detail auseinanderzunehmen. Freut euch über jegliche Art von Feedback.

Nach dem Testlesen lassen steht eine weitere Runde der Überarbeitung an, in der ihr die Korrekturen und Vorschläge eurer Testleser übernehmt, die ihr gut findet. Nicht alle Vorschläge, die ein Testleser macht, müsst ihr auch übernehmen, aber achtet vor allem auf die Stellen, die mehreren Testlesern aufgefallen sind - denn hier ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass auch eure Leser später darauf aufmerksam werden.

Seid ihr damit fertig, dann: Herzlichen Glückwunsch - ihr habt es tatsächlich geschafft und ein fertiges Manuskript in euren Händen. Was ihr nun damit macht, bleibt euch überlassen. :)


Ich hoffe, ihr konntet aus diesem Artikel viel mitnehmen und nehmt euch ein paar Minuten Zeit, um mir und anderen in den Kommentaren zu erzählen, wie ihr überarbeitet.

Alles Liebe,