Gedacht | Kosten-Nutzen-Rechnung: Chemo

Hallo ihr Lieben,

In meinen beiden letzten Brustkrebs-Updates habe ich über Glück und Dankbarkeit geredet. Ich habe euch erzählt, wie ich die Zeit der Chemotherapie erlebt habe, wie viele Glücksmomente ich dank meiner Familie und meinen Freunden sammeln konnte und wie sehr ich gelernt habe, das Leben für seine Schönheit wertzuschätzen. Heute aber habe ich den nächsten Schritt in der Behandlung hinter mir gelassen und möchte mit euch über Ängste sprechen.



Vor einer Woche wurde ich operiert, die Achsellymphknoten und das Tumorgewebe aus der Brust entnommen. Da ich sowieso mit einer großen Brust "gesegnet" bin, sieht man von der OP fast nichts, die Nähte verheilen wahnsinnig gut und irgendwann werde ich nur noch zwei blasse Narben haben, die mich an den ganzen Horror erinnern. Auch die OP verlief gut, keine Komplikationen und sogar die Lymphknoten waren komplett frei von Tumorzellen. Der ursprüngliche Tumor von fast 4cm Größe war auf 0,06cm geschrumpft. Auf dem Ultraschall sah es so aus, als wäre nichts mehr da, aber auch 0,06cm sind ein tolles Ergebnis für eine neoadjuvante Chemo.

Eigentlich ein Grund zum Feiern, doch es ist schwer, sich auf die positiven Seiten zu konzentrieren, denn meine Ärzte raten mir zu einer weiteren Chemo.

Mein Arzt hat mir eine Tabelle gezeigt, die die Wahrscheinlichkeit von Metastasen in Abhängigkeit von der Größe des Tumors zeigt. Darauf war zu sehen, dass ein Tumor ab 0,06cm Größe streuen kann, ein Tumor mit einer Größe von 4cm mit einer Wahrscheinlichkeit von 100% schon gestreut hat. Da zwischen Diagnosestellung und erster Chemo noch einige Zeit vergangen ist, kann mein Tumor in der Zeit natürlich schon gestreut haben. Auch wenn ich zahlreiche Voruntersuchungen durchlaufen bin, kann nicht zu 100% ausgeschlossen werden, dass sich zu dem Zeitpunkt nicht schon irgendwo Metastasen gebildet haben, die in der Bildgebung noch nicht zu sehen waren. Diese Tumorzellen sind mit großer Wahrscheinlichkeit in der ersten Chemo zerstört worden, dennoch durchläuft eine Zelle ja immer verschiedene Phasen, wozu auch eine Schlafphase gehört. In dieser Schlafphase haben Chemo und Bestrahlung keine Auswirkung auf die Zelle, deshalb zieht man die Therapien heutzutage auch immer länger, um möglichst viele Zellen zu erwischen.

Die Entscheidung, mir zu einer weiteren Chemo zu raten, ist den Ärzten selbst nicht leichtgefallen. Im Prinzip ist es eine Kosten-Nutzen-Rechnung. Mir kann keiner sagen, ob ich diese zweite Chemo wirklich brauche, mir kann aber auch keiner sagen, ob nach dieser zweiten Chemo wirklich alles ausgestanden ist. Und zu allem Überfluss kommen natürlich auch noch die Einschränkungen meiner Lebensqualität dazu und die beängstigenden Nebenwirkungen der Medikamente.

Trotzdem ist die Entscheidung für mich klar. Ich möchte mir niemals den Vorwurf machen, dass ich nicht alles versucht hätte, um wieder gesund zu werden und es mein Leben lang auch zu bleiben. Was aber nicht heißt, dass ich mich auf die kommenden Wochen freue und dass ich nicht mit dem Gedanken gespielt habe, alles hinzuwerfen und darauf zu hoffen, dass es gereicht hat.

Ihr wisst, welche Erfahrungen ich während meiner ersten Chemo gemacht habe. Wie viel Angst ich davor habe, dass ich wieder allergisch reagiere und es dieses Mal nicht so glimpflich ausgeht, wie sehr ich mich davor fürchte, bleibende Herzschäden oder eine Leukämie davonzutragen. Wie groß die Angst davor ist, dass ich nicht wieder gesund werde und all meine Träume für die Katz waren.

Die Angst kann mir keiner nehmen, sie ist mein täglicher Begleiter und sie wird es immer sein. Mal mehr, mal weniger. Aber ich versuche trotzdem, nicht von ihr beherrscht zu werden. Was wäre das für ein Leben, wenn ich ständig in Angst leben würde?

Dieses Mal fällt es mir schwer, Worte der Aufmunterung zu finden. Wenn ich zurückblicke, weiß ich, dass ich immer von einem Gefühl der Dankbarkeit und des Glücks erfüllt war, wenn ich euch geschrieben habe, wie es mir geht. Aber heute fühle ich mich niedergeschlagen und habe keine Lust, die Sache zu beschönigen, nur um anderen das Gefühl zu geben, dass mich nichts aus der Bahn werfen kann. Ja, ich weiß, ich sollte meinen Fokus auf die guten Seiten legen, aber manchmal geht es einfach nicht.

Manchmal braucht man einfach eine Phase des Selbstmitleids. Eine Phase, in der man sich fragt, womit man all das verdient hat und wie viel man noch mitmachen muss, bis man endlich sein Leben wieder zurück hat. Aber trotzdem verspreche ich euch, dass ich danach wieder mit guter Laune und viel Optimismus am Start bin - ich kann einfach nicht anders: ich bin diejenige, die strahlt, egal, wie zerbrochen mein Inneres gerade ist und wenn ich nur lange genug vorgebe, glücklich zu sein, glaube ich irgendwann auch wieder selbst daran.

Ich möchte euch auch für eure ganze Unterstützung und die lieben Nachrichten danken, für Umarmungen und Atemübungen, für durchwachte Nächte, Gespräche übers Glück und über die Zukunft, für Ratschläge und Scherbenaufsammeln. Ohne euch wäre ich eine emotionale Katastrophe.

Alles Liebe,
eure Kim.

An alle Frauen unter euch: bitte geht regelmäßig zur Vorsorge und tastet eure Brust jeden Monat ab. Auch wenn die Angst davor jedes Mal groß ist - sie wird noch viel größer, wenn es irgendwann keine Hoffnung mehr geben sollte!